Ärzte Zeitung, 11.05.2015

Bayern

117.000 Beschäftigte dopen sich

Prüfungen, Präsentationen, schwierige Gespräche: 1,6 Prozent der Beschäftigten in Bayern nehmen wegen solcher Anlässe rezeptpflichtige Präparate.

MÜNCHEN. Um die kognitive Leistungsfähigkeit oder das psychische Wohlbefinden zu verbessern oder um Ängste und Nervosität abzubauen nehmen mindestens 1,6 Prozent der Beschäftigten in Bayern zweimal pro Monat oder häufiger verschreibungspflichtige Medikamente ein.

Nach Angaben aus dem DAK-Gesundheitsreport 2015 betreiben damit in Bayern rund 117.000 Arbeitnehmer regelmäßig "Hirndoping am Arbeitsplatz".

"Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal", warnte Gottfried Prehofer, Landeschef der DAK-Gesundheit in Bayern.

Häufige Anlässe für pharmakologisches Neuroenhancement ("Hirndoping") seien Prüfungen, Präsentationen, wichtige Verhandlungen oder schwierige Gespräche. Viele erhofften sich, dass ihnen mit Medikamenten die Arbeit leichter von der Hand geht oder dass sie ihre Ziele noch besser erreichen können, berichtete der Sozialwissenschaftler Jörg Marschall vom IGES Institut Berlin.

Für die Untersuchung wurden die Verordnungszahlen verschreibungspflichtiger Stimulanzien, Antidementiva, Antidepressiva und Betablocker analysiert, für die keine nachvollziehbaren Diagnosen dokumentiert waren und von denen deshalb anzunehmen ist, dass sie zum Teil auch zum "Hirndoping" verwendet werden.

Meist vom Arzt verordnet

In einer repräsentativen Befragung bei Erwerbstätigen in Bayern gaben 7,2 Prozent an, wenigstens einmal schon pharmakologisches Neuroenhancement betrieben zu haben. Unter Berücksichtigung einer Dunkelziffer könnte der Anteil sogar bei 12,9 Prozent liegen, erläuterte Marschall.

70,9 Prozent der Befragten erklärten, ihnen sei bekannt, dass manche Medikamente auch eingenommen werden, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein. Etwa 83 Prozent lehnen das jedoch ab, etwa zehn Prozent zeigten sich aufgeschlossen und sahen für sich vertretbare Gründe, Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung einzunehmen.

Von denjenigen, die schon mindestens einmal pharmakologischesNeuroenhancement betrieben haben, haben 60,6 Prozent verschreibungspflichtige Medikamente gegen Angst, Nervosität oder Unruhe genommen, 34 Prozent Medikamente gegen Depressionen und 12,4 Prozent Medikament gegen starke Schläfrigkeit und Tagesmüdigkeit.

In knapp 54 Prozent der Fälle wurden die Medikamente vom Arzt verordnet, in 14,1 Prozent der Fälle haben Kollegen, Freunde oder Familienmitglieder diese zur Verfügung gestellt und in 13 Prozent erfolgte der Bezug über ein Privatrezept. (sto)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »