Ärzte Zeitung, 15.09.2015

TK-Chef Baas

Die Krankenkasse ist nicht der bessere Arzt

Dr. Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, fordert einen Regionalfaktor im RSA. Bei seinem Besuch der "Ärzte Zeitung" betont er außerdem, weiterhin für das Modell einer Einzelleistungsvergütung kämpfen zu wollen.

Von Helmut Laschet

Die Krankenkasse ist nicht der bessere Arzt

TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas (Mitte) beim Redaktionsgespräch der "Ärzte Zeitung" mit Chefredakteur Wolfgang van den Bergh (rechts) und stellv. Chefredakteur Helmut Laschet.

© M. Illian

NEU-ISENBURG. Der gegenwärtig praktizierte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich setzt Fehlanreize für eine Morbidisierung auf Kosten von Prävention und hat offene Flanken beim Missbrauch.

Spätestens in der nächsten Legislaturperiode sei eine grundlegende Reform notwendig, fordert der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse (TK), Dr. Jens Baas, bei einem Redaktionsbesuch der "Ärzte Zeitung" in Neu-Isenburg.

Nicht berücksichtigt seien die erheblichen regionalen Unterschiede - zum Beispiel die hohen Versorgungskosten in Ballungszentren, in denen die High-Tech-Medizin mit einem dichten Versorgungsangebot konzentriert ist.

Eine Krankenkasse mit einem überdurchschnittlichen Mitgliederanteil in solchen Regionen sei dadurch überdurchschnittlich belastet. Notwendig sei deshalb ein Regionalfaktor im RSA, der aber weitaus differenzierter als nach Ländergrenzen gebildet werden müsse.

Fehlanreize im Morbi-RSA

"Rücklagen sind nur für Notlagen da"

Die Beitragspolitik der Techniker-Krankenkasse bleibt konservativ - eine Verwendung der Finanzreserven der Kasse, um den Zusatzbeitrag günstig zu gestalten und damit mehr Versicherte zu gewinnen, kommt für TK-Vorstandschef Dr. Jens Baas nicht in Frage. Sein klares Votum: "Rücklagen sind für Notlagen."

Für das Gesamtjahr 2015 ist Baas vorsichtig optimistisch und rechnet für seine Kasse mit einem ausgeglichenen oder leicht defizitären Ergebnis, so Baas vor dem Hintergrund des Defizits aller Kassen von 490 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2015.

Er erwartet aufgrund steigender Ausgaben GKV-weit steigende Zusatzbeiträge. Der Zusatzbeitrag seiner Kasse werde voraussichtlich unter dem Durchschnitt bleiben. Derzeit beträgt er 0,8 Prozent.

2014 gab die TK rund 20 Milliarden Euro für Leistungen aus. 540 Millionen Euro erstattete sie ihren Versicherten zurück. Zum Jahresende betrugen die Rücklagen 890 Millionen Euro, auf rund zwei Milliarden Euro beläuft sich die Betriebsmittelrücklage. (HL)

Der gegenwärtige Morbi-RSA setze ferner Fehlanreize, indem er die Morbidisierung - nicht zuletzt auch in Kombination mit der Vergütungssystematik für die Vertragsärzte - fördere und damit den Präventionsgedanken zu Lasten der Patienten konterkariere.

Verstärkt werde dies durch die uneinheitliche Aufsichtspraxis von Bundesversicherungsamt auf der einen und der Sozialministerien auf der anderen Seite.

Nach Baas‘ Vorstellungen sollten Volkskrankheiten wie etwa Diabetes als Massenphänomen im Morbi-RSA weniger stark berücksichtigt werden, weil sie sich durch Lebensstilveränderungen verhindern oder in ihrem Fortschreiten günstig beeinflussen lassen. Die Kassen sollten in die Pflicht genommen werden, ihre Versicherten dabei zu unterstützen.

Trotz dieses RSA-Problems steht die Techniker Krankenkasse seit Jahren im Wettbewerb einmalig gut da: Die Mitgliederzahlen wachsen stetig, zuletzt auf 6,9 Millionen Mitglieder und insgesamt 9,4 Millionen Versicherte. Die Rücklagen sind hoch, der Zusatzbeitrag ist unterdurchschnittlich. "Wir sind inzwischen die größte deutsche Versorgerkasse."

Aber das Wort Kasse nimmt Baas nicht gern in den Mund. "Ich sage meinen Mitarbeitern immer wieder, dass wir ein Service-Unternehmen sind, das von unseren Kunden ganz leicht verlassen werden kann. Die TKler haben das auch verinnerlicht."

Der Weg zum Image einer Premium-Krankenkasse führt nicht zuletzt auch über ein gediegenes Verhältnis zu Ärzten. "Es gibt ja Kassen, die meinen, der Arzt sei ihr natürlicher Gegner. Das ist grundfalsch", sagt Baas. Die Krankenkasse sei nicht der bessere Arzt. Die besten Ärzte seien eben die Ärzte selbst.

Als Beispiel der Arzt-Orientierung der TK nennt Baas den Aufbau eines Arztbuchungs-Systems als Alternative zu den von KVen und vielen Ärzten kritisierten Terminservice-Stellen, wie sie nach dem Versorgungsstärkungs-Gesetz vorgeschrieben sind.

Das von der TK initiierte Arztbuchungs-System ist nach seinen Angaben in die Software-Systeme der Praxen integrierbar und ermöglicht es Patienten, online Arzttermine zu buchen.

Den Anfang hat Berlin gemacht, sukzessive sollen weitere Regionen folgen. Seit Anfang September erprobt die TK in einem Pilotprojekt gemeinsam mit dem Bundesverband Deuscher Dermatologen eine Online-Video-Sprechstunde.

Projekt Einzelleistungsvergütung

Ein weiteres Projekt ist die Rückkehr zur Einzelleistungsvergütung, die auf Mengenbegrenzungen verzichtet - ein dringliches Anliegen der Vertragsärzte, die seit Beginn der Budgetierung darüber klagen, dass ein Teil des Morbiditätsrisikos quasi kostenlos bei ihnen abgeladen wird.

Obwohl es um diese TK-Initiative in den letzten Monaten etwas still geworden ist, werde das Projekt weiterverfolgt. Notwendig seien etwa 2500 Ärzte in einer möglichst geschlossenen Region und weitere versorgungsrelevante Krankenkassen als Partner.

Den Marktanteil von 15 Prozent der TK für sich genommen hält Baas nicht für ausreichend, um Ärzte für dieses Vergütungsmodell zu gewinnen. Derzeit sei der Prozess in ein sensibles Verhandlungsstadium mit anderen Kassen getreten. Denkbar sei es, das Modell aus dem Innovationsfonds mitzufinanzieren oder zu evaluieren.

Fehlentwicklungen sieht Baas in der stationären Versorgung: Die Unterfinanzierung von Investitionen durch die dafür verantwortlichen Länder und den Aufbau von Stellen für Ärzte bei gleichzeitiger Verringerung des Pflegepersonals.

Hier fordert Baas eine Definition für Anforderungen an die Strukturqualität, insbesondere Vorgaben für die Relation von ärztlichem zum Pflegepersonal.

[15.09.2015, 14:09:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eine Wohltat!
Die vier Sätze, welche die Kernaussagen des TK-Vorstandsvorsitzenden Dr. Jens Baas wiedergeben: "Es gibt ja Kassen, die meinen, der Arzt sei ihr natürlicher Gegner. Das ist grundfalsch. Die Krankenkasse sei nicht der bessere Arzt. Die besten Ärzte seien eben die Ärzte selbst", musste ich in der Tat dreimal nachlesen, um sie richtig genießen zu können!

Wie wohltuend sich diese Worte von den offiziellen Verlautbarungen des Spitzenverbandes Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen abheben. Denn dort werden unsere professionellen Anstrengungen in Klinik und Praxis, von Haus-, Fach- und Spezialärzten, Assistenz-, Ober- und Chefärzten von ebenso blutigen wie fachfremden medizinischen Laien (Verwaltungsjuristen, Ex-Politikern, Verwaltungsfachwirten und Sozialversicherungs-Fachangestellten) häufig diskriminierend und besserwisserisch abgewatscht. Gender-korrekt stehen hier zur besseren Lesbarkeit die männlichen auch für die weiblichen Berufsbezeichnungen.

Hinzu kommen noch die für die GKV meist ebenso Medizin- bzw. Krankheits-fern und kostenträchtig arbeitenden Gutachter, "Gesundheits"-Weisen, "Gesundheits"-Ökonomen (z. B. Prof. J. Wasem TU-Duisburg/Essen, das IaG Institut für angewandte Gesundheitsökonomie Bayreuth mit dem leider früh verstorbenen Prof. P. Oberender), "Gesundheits"-Institute (z. B. IGES Berlin, IGSS Kiel, PROGNOS AG Schweiz).

Ökonomisch, steuerlich und betriebswirtschaftlich optimierend bzw. nur nach Ablauf-, Prozess- und Ergebnisqualität operierende Rationalisierungs-Fachleute der Wirtschafts- und Steuerberatungsfirmen wie Ernest & Young (E&Y), PricewaterhouseCoopers (PwC), McKinsey & Company und KPMG arbeiten verstärkt in allen Klinik- und Ambulanzbereichen. E&Y haben zuletzt ein Rationalisierungsgutachten für das Klinikum Dortmund (KLIDO) erstellt.

Der Berater-Branchenprimus DELOITTE will national und international im "Gesundheits"-Wesen mitmischen: Sein letztjähriges Zukunftsgutachten zur Entwicklung von E-"Health" hatte aber in Unkenntnis der medizinisch-sozialen Realitäten außer einem zukunftsträchtigen Gesundheitstitel:
"Healthcare and Life Sciences Predictions 2020 - A bold future?"
http://www2.deloitte.com/global/en/pages/life-sciences-and-healthcare/articles/healthcare-and-life-sciences-predictions-2020.html
mit Krankheit, Medizin und Versorgungsstrategien nicht mehr das Geringste zu tun.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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