Ärzte Zeitung, 09.12.2016
 

"Heuchelei und Wendehals"

KV-Vize greift Baas frontal an

Nach dem Geständnis von TK-Chef Baas zu Kodiermanipulationen gießt KVWL-Vorstand Gerhard Nordmann Öl ins Upcoding-Feuer: Die TK habe Ärzten als erstes "Hilfe bei der korrekten Kodierung" angeboten. An Baas lässt er kein gutes Haar.

KV-Vize greift Baas frontal an

Im Streit um Upcoding geht ein KV-Funktionär TK-Chef Baas harsch an.

© SPA/ dpa

DORTMUND. Die Kritik von Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), am sogenannten Upcoding durch die Kassen zieht auch zwei Monate nach ihrer Äußerung Ärger nach sich.

Für Dr. Gerhard Nordmann, Vize-Vorsitzender der KV Westfalen-Lippe (KVWL), ist Baas' Kritik vor allem ein Ausdruck von Heuchelei. Der TK-Chef sei ein "Wendehals", sagte Nordmann auf der KVWL-Vertreterversammlung. "Gerade wenn es um viel Geld geht, wird manch einer schnell mal vom Saulus zum Paulus."

Mit dem Vorwurf, die Kassen würden versuchen, zum eigenen finanziellen Vorteil die Diagnosen kranker Versicherter zu manipulieren, habe Baas der Kassenkonkurrenz in die Hacken getreten und sich selbst als letzten aufrechten und ehrlichen Manager inszeniert, der leider gezwungen sei, beim bösen Spiel der anderen mitzumachen.

Angesichts dieses Mutes, dieser Transparenz und Ehrlichkeit kämen ihm heute noch Tränen der Rührung, ätzte Nordmann. "Wenn ich mich recht erinnere, war es die TK, deren Mitarbeiter als erste an den Türen von Praxen klingelten und Hilfe bei der korrekten Kodierung von TK-Versicherten anboten."

Missgunst des TK-Chefs?

Ärgerlicherweise seien dann andere Kassen auch auf den Trichter gekommen – vor allem jene, die kränkere Versicherte haben "als die hippe Jung- und Gutverdiener-TK". Ihnen gönne Baas die so gewonnenen Mittel nicht.

Der Ärger nach Baas' Äußerung habe aber nicht nur die Kassen und ihre Kodierberater getroffen, sondern auch die Ärzte, betonte Nordmann. Das geforderte und notwendige Right-Coding erscheine jetzt als Krankfärberei der Versicherten.

Bei der Aufregung rund um den Risikostrukturausgleich und den Versuchen der Kassen, sich gegenseitig zu übervorteilen, ärgert ihn am meisten die Absicht der Kassenmanager, die Ärzte zu Handlangern ihrer Ambitionen zu machen. "Darauf werden wir uns nicht einlassen."

Die Ärzte sollten und müssten die Krankheit und ihren Schweregrad korrekt kodieren. "Aber ein deutliches Nein zu dem Anschein, dabei würden uns Kassenmitarbeiter den Stift führen", sagte Nordmann. "Wir beteiligen uns nicht an offensichtlichen Manipulationen."

Aufsicht will Konsequenzen ziehen

Die Aufsichtsbehörden haben mittlerweile eine klare Ansage verlauten lassen. Nach einer Arbeitstagung vor zwei Wochen kündigte die Aufsicht der Sozialversicherungen von Bund und Ländern an, es seien rechtliche Rahmenbedingungen abgesteckt und Maßnahmen für rechtliche Schritte bei Manipulationen von Leistungsabrechnungen beschlossen worden.

Es gehe darum, unzulässige Beeinflussungen der ärztlichen Diagnose zu verhindern, teilte das bayerische Gesundheitsministerium mit. (iss/jk)

[09.12.2016, 10:45:46]
Karlheinz Bayer 
mangelndes Unrechtsbewußtsein

Eins muß noch nachgetragen werden.
Es ist ärgerlich und verwerflich, wie Herr Nordmann hier daherredet.
Es spricht für ein mangelndes Unrechtsbewußtsein, das erinnert an Aussagen wie, bei der Steuererklärung schummeln doch alle, oder ich halte mich grundsätzlich nicht an Verkehrsregeln.
Nordmann ist einer unserer höchstrangigen Funktionäre.
Von dieser Charge erwarte ich Sauberkeit. zum Beitrag »
[09.12.2016, 07:47:39]
Karlheinz Bayer 
Wendehals hin, Heuchlerei her, der Sch... muß weg!

Die ICD-Kodierung ist ein Etwas mit Läusen und Flöhen. Viele Diagnosen gibt es nicht, andere sind erkennbar insuffizient. Vom ICD-9 zum ICD-10 ist viel zum Besseren geändert worden. Sonnvoll sind z.B. die Angabemöglichkeiten für links und rechts oder Verdacht auf, Zustand nach und Dauer.
Das ist Doklumentation.
"Upcoding" aber ist eine Erfindung der Kassen(TKK genauso wie AOK), die mit der Dokumentation nur noch marg9nal zu tun haben. In Wahrheit haben die Kassen einen Hebel entdeckt, um den Risikostrukturausgleich zu umgehen. Das ist schofel.
Das Wort "Upcoding" werden Sie übrigens im Websters Standard Englih nicht finden. Es ist eine deutsche Erfindung, so wie Handy und Oldtimer.
Besonders negativ ist jedoch die Masche, namentlich von der AOK in Baden-Württemberg praktiziert, aber sicher auch andernorts, "Beraterinnen" in die Ptraxen zu schicken, die uns Ärzten zeigen sollen, wie man "richtig" kodiert. Natürlich ausnahmslos "up".
Verwerflich ist, daß diese "Beraterinnen" (eres mögen auch Berater sein) Listen mit Patientennamen haben und Diagnosen.
Das geht garnicht!
Das ist ein Eingriff in datenrechtlich geschützte Bereiche. Ich habe eine "Beraterin" aus der Praxis werfen müssen, bevor ich handgreiflich geworden wäre.
So geht das nicht.
Will man den Risikostrukturausgleich kippen, dann über die Politik, und nicht über Manipulationen an uns Ärzten an der Basis.
Letztes Argument, meine ICD-Codes dienen auch als Beweise für mögliche Regresse oder gar Kunstfehlervorwürfe. Ich würde übel dastehen, wenn ich aus einer Lumbalgie einen Bandscheibenschaden machen würde. Oder aus einem "V" ein "G" und eune "DD". Nicht umsonst weist die KV darauf hin, daß allein schon im Hinblick auf Regresse einerückwirkende Kodieränderung verboiten ist.
Fazit: Wer hier der Hauchler ist und was das Nest beschmutzt, liegt auf der Hand, und es ist nicht der Kroinzeuge Baas.

Dr. Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »