Ärzte Zeitung, 12.01.2017
 

Kinikreform

Am Ende ein "Rohrkrepierer"?

Die Koalition in Berlin glaubt, mit dem Krankenhausstrukturgesetz die Weichen in Richtung mehr Qualität gestellt zu haben. Die AOK Rheinland/Hamburg dagegen bewertet die Folgen dieses Gesetzes für Patienten sehr skeptisch.

Von Ilse Schlingensiepen

MÖNCHENGLADBACH. Das Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) wird auf absehbare Zeit nichts an den Versorgungsstrukturen verändern. Umso wichtiger ist eine aktive Krankenhausplanung als Korrektiv, findet Dr. Simon Loeser, Leiter des Unternehmensbereichs Stationäre Versorgung bei der AOK Rheinland/Hamburg.

"Wenn über eine starke Krankenhausplanung komplexe Leistungen zentralisiert werden und notwendige strukturelle Voraussetzungen ausreichend investiv gefördert werden, sind die Weichen für eine hochwertige Versorgung schon richtig gestellt", sagte Loeser bei einer Veranstaltung des Instituts für patientenorientierte Versorgungsablaufforschung in Mönchengladbach.

Seiner Ansicht nach sitzen Kliniken und Krankenkassen in dieser Frage in einem Boot. "Sowohl die Krankenhäuser als auch die Krankenkassen müssen Interesse an einer starken, bedarfsorientierten Planung haben."

Eigentlich sollte das KHSG Fortschritte bei der Qualität, dem notwendigen Strukturwandel und der Mengensteuerung bringen. Der AOK-Experte ist aber höchst skeptisch, was die praktische Relevanz der gesetzgeberischen Vorgaben betrifft. Das Gesetz sei ein einziger "Rohrkrepierer", kritisierte er. "Wir bewerten es als sehr dürftig, was beim Patienten hängenbleibt."

Als ein zentrales Manko sieht er, dass das Gesetz keine Fortschritte bei der Investitionskostenfinanzierung gebracht hat. Sowohl das Institut für Entgelte im Krankenhaus als auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung beziffern den Investitionsbedarf der nordrhein-westfälischen Kliniken mit zehn Prozent der Erlöse. "Ein Drittel des Investitionsbedarfs wird gesetzeskonform vom Land gefördert", sagte er. Ein Drittel werde aus Vergütungen der GKV zweckentfremdet. "Ein Drittel des Investitionsbedarfs wird gar nicht bedient."

Die unzureichende Investitionsförderung verstärke die Anreize für die Kliniken, in die Menge zu gehen, um auch bei hohen Fixkosten noch einen positiven Deckungsbeitrag zu erreichen.

Der AOK-Experte bezeichnete es als "versorgungspolitischen Wahnsinn", dass hochkomplexe Leistungen von einer Vielzahl von Häusern angeboten werden und die notwendige Spezialisierung ausbleibt. Derzeit gebe es eine deckungsgleiche (Schein-) Spezialisierung auf Bereiche wie Wirbelsäulenoperationen, die invasive Kardiologie, die Geriatrie oder die Endoprothetik. Hier schlage sich auch das Problem der zum Teil mangelhaften Indikationsqualität nieder.

Er verwies auf das Beispiel der Knie-TEP-Erstimplantation. "Die Varianzen in der präoperativen Therapie sind sehr fragwürdig und unserer Meinung nach ein Ausfluss des Investitionsdilemmas."

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