Ärzte Zeitung online, 07.03.2017
 

Polymedikation

Hausbesuche von AgnesZwei verbessern die Compliance

Ob Medikationsplan oder Armin, derzeit werden verschiedene Wege ausprobiert, um das Problem der Polymedikation vor allem bei älteren Patienten in den Griff zu kriegen. Ein Projekt aus Brandenburg erscheint besonders erfolgversprechend.

Ein Leitartikel von Angela Misslbeck

 Hausbesuche von AgnesZwei verbessern die Compliance

Das Brandenburger Polymedikations-Projekt setzt gezielt auf die Kooperation von Arzt, Apotheker und Fallmanagerin.

© RRF / fotolia.com

Abgelaufene Arzneimittel, selbst gekaufte Abführtropfen, Salben und Nahrungsergänzungsmittel – das alles finden die Fallmanagerinnen AgnesZwei in Südbrandenburg in den Arzneischränken von Patienten. Dort gucken sie hinein, seit im vergangenen Jahr das Polypharmazie-Projekt der Arbeitsgemeinschaft IGiB (Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg) von Kassenärztlicher Vereinigung (KVBB) AOK Nordost und BarmerGEK gestartet ist. Als Pilotprojekt ist es zunächst auf die Region Oberspreewald-Lausitz im Süden Brandenburgs beschränkt. Dort wirken 18 von 36 Hausärzten, fünf von sieben AgnesZwei-Kräften und rund die Hälfte der 28 Apotheken mit.

Das Projekt zum Arzneimittelmanagement bei multimorbiden Patienten zielt in die gleiche Richtung wie der vom Gesetzgeber verordnete Medikationsplan. Doch es geht weit darüber hinaus. Wie das Projekt Armin (Arneimittelinitiative) in Thüringen und Sachsen stimmen sich beim IGiB-Projekt Arzt und Apotheker ab. "Die Kooperation der Professionen steht im Vordergrund", sagt IGiB-Geschäftsführer Lutz O. Freiberg. Der Apotheker wisse mehr über Nebenwirkungen, der Arzt kenne den Patienten besser. Aber das IGiB-Projekt hat durch den Einsatz der Fallmanagerinnen auch dem Armin-Modell etwas voraus.

Inventur im Arzneischrank

Beim Hausbesuch macht AgnesZwei mit den vom Arzt ausgewählten Patienten, die fünf oder mehr Verordnungen haben, gewissermaßen Inventur im Arzneischrank. So bekommt sie – und durch sie dann wiederum auch Arzt und Apotheker – auch die Selbstmedikation der Patienten in den Blick. Und die kann beim Thema Wechsel- und Nebenwirkungen bekanntlich eine große Rolle spielen. Damit steht das Medikationsmanagement im Projekt der IGiB auf einer breiteren Basis als bei anderen Ansätzen. Die Chancen zu einer echten Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit steigen.

"Man findet bei weitem nicht nur die Medikamente, die auf dem Medikationsplan stehen, sondern auch viele andere Sachen: Salben, Abführtropfen, Nahrungsergänzungsmittel", berichtet Schwester Kristina Hartnick, die am Medizinischen Zentrum Lübbenau (MZL) als AgnesZwei an dem Projekt mitarbeitet, der "Ärzte Zeitung". Auch Medikamente, die der Arzt vor längerer Zeit verordnet hat und die gar nicht mehr eingenommen werden sollen, sehen Schwester Kristina und ihre Kolleginnen immer wieder. Bei einem Patienten fanden sie acht verschiedene Blutdrucksenker, von denen viele schon abgelaufen waren. Eine weitere Entdeckung: Diabetiker lagern ihre Insulin-Pens oft nicht wie empfohlen im Kühlschrank.

Außerdem fragen die Fallmanagerinnen die Patienten nach ihren Einnahmegewohnheiten. Denn gerade, wenn täglich mehrere Medikamente eingenommen werden müssen, hängen Wechsel- und Nebenwirkungen auch davon ab, dass Patienten das vorgegebene Zeitregime einhalten. Das ist vielen Patienten aber offenbar überhaupt nicht bewusst.

So leistet AgnesZwei hier viel Beratungs- und Erklärungsarbeit, die am Apothekentresen oder im Sprechzimmer des Arztes aus Zeitmangel mitunter zu kurz kommen. Nicht zuletzt erklärt sie den Patienten auch den Medikationsplan, denn den verstehen viele gar nicht. Auch wenn für denselben Wirkstoff ein anderes Produkt verordnet wird, klärt Schwester Kristina ihre Patienten darüber auf, was es mit der (vermeintlich) neuen Tablette auf sich hat. "Das muss man den Patienten erklären. Die meisten sind geistig gar nicht mehr so fit", sagt sie.

Interesse auch in anderen Regionen

IGiB-Geschäftsführer Freiberg ist überzeugt, dass die Fallmanagerinnen beim Medikationsmanagement im Polypharmazie-Projekt einen entscheidenden Mehrwert gegenüber dem Medikationsplan und selbst noch gegenüber dem Projekt Armin bringen. "Dort bleibt der Patient auf der Strecke", sagt Freiberg. Die Projektinitiatoren der IGiB hoffen dagegen, dass sie nicht nur Wechsel- und Nebenwirkungen besser in den Griff bekommen, sondern zugleich die Compliance verbessern können.

Der Erfolg des neuen Ansatzes soll zur Jahresmitte evaluiert werden. "Es gibt auch schon weitere Regionen, die signalisiert haben, dass sie mitmachen möchten, aber darüber werden wir erst im zweiten Halbjahr entscheiden", sagte Freiberg im Vorfeld der IGiB-Konferenz am 9. März. Auch dort stehen Arzneimitteltherapiesicherheit und Medikationsmanagement auf der Agenda.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »