Ärzte Zeitung online, 06.06.2018

Behandlungsfehler

Op am falschen Bein kommt tatsächlich noch vor

Die Medizinischen Dienste und Politiker warnen vor einer hohen Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern. Tatsächlich festgestellt werden nur wenige.

Von Anno Fricke

Op am falschen Bein – das kommt tatsächlich noch vor

Ärztliche Fehler: Allein 120 gut vermeidbare, zum Teil tödliche Ereignisse zählten die Medizinischen Dienste im vergangenen Jahr.

© SENTELLO / stock.adobe.com

BERLIN. Vertreter der Medizinischen Dienste der Krankenkassen haben eine andere Fehlerkultur in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen gefordert.

Behandlungsfehler

3778 Behandlungsfehler haben die Medizinischen Dienste 2017 festgestellt.

34 Prozent werden der ambulanten Versorgung zugerechnet.

1115 Fehler muss sich die Orthopädie und Unfallchirurgie zuschreiben lassen, gefolgt von Zahnmedizin (356) und Pflege (330).

Quelle: Medizinischer Dienst des GKV-Spitzenverbands (MDS)

"Die Abläufe werden immer komplexer. Darauf muss man mit hochkomplexen Sicherheitsvorkehrungen reagieren", sagte Dr. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbands bei der Vorstellung der aktuellen Behandlungsfehlerstatistik am Dienstag in Berlin.

Scharfe Kritik übten die MDK-Vertreter an der Fehlervermeidung. Allein 120 gut vermeidbare, zum Teil tödliche Ereignisse zählten die Medizinischen Dienste im vergangenen Jahr.

Dazu zählten in Kliniken überwiegend das Entstehen hochgradiger Dekubiti, aber auch im Körper vergessenes Operationsbesteck, Medikationsfehler, Fehltransplantationen und Operationen am falschen Körperteil.

"Bei konsequentem Umsetzen bekannter Sicherheitsmaßnahmen wie Checklisten oder Ver-Augen-Prinzip gelten solche Ereignisse als vollständig vermeidbar", sagte Dr. Max Skorning vom MDS.

Monitoring gefordert

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft reagierte prompt. Die Krankenhäuser hätten verstärkt Fehlervermeidungs- und Risikominimierungsstrategien entwickelt, um in systematischer Form Fehler oder Risiken der Patientenversorgung zu verhindern, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

"Wir fordern seit langem ein bundesweites Monitoring durch eine unabhängige Stelle", kommentierte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink die Ergebnisse.

Sylvia Gabelmann von der Linken-Fraktion forderte die Einrichtung eines Behandlungsfehlerregisters. Sie gehe von bis zu einer Million Behandlungsfehler im Jahr aus.

Dafür sei nicht zuletzt der Personalmangel in den Kliniken verantwortlich, sagte Gabelmann. Krankenkassen und Krankenhäuser verhandeln derzeit ein Maß für Personaluntergrenzen auf personalintensiven Stationen.

3778 Behandlungsfehler festgestellt

Gutachter der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) haben im vergangenen Jahr insgesamt 3778 Behandlungsfehler festgestellt. 3337 Patienten haben dadurch einen Schaden davongetragen. In 2690 Fällen hingen der Behandlungsfehler und der Schaden ursächlich zusammen.

Insgesamt 13.519 mal wurden demnach Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern bei den Diensten angefordert. Das waren mehr als zehn Prozent weniger als im Jahr 2016. Etwa jeder vierte vermutete Behandlungsfehler hat sich als solcher herausgestellt.

Die ambulante Versorgung, auch in der Klinik und Pflege, sah sich mit 4583 Vorwürfen konfrontiert. In Praxen und MVZ allein kam es bei 3425 Fehlervorwürfen zu 1071 bestätigten Ereignissen. Am häufigsten standen Orthopäden und Unfallchirurgen unter Verdacht (siehe nachfolgende Grafik).

Zu den Zahlen der MDK ließen sich die der Fehlerstatistik der Ärztekammern dazurechnen, hieß es am Dienstag. Das Überschneidungspotenzial sei sehr gering. Die Kammern hatten 2017 rund 7300 Beschwerden bearbeitet. 1783 mal erkannten sie auf Behandlungsfehler oder mangelnde Risikoaufklärung.

Die meisten Fehler bleiben unerkannt. Alle Verfahren, die direkt an die Gerichte gehen, oder von Versicherern ohne Umweg geregelt werden, bleiben unter dem Radar.

Die Ärztekammern gehen von rund 40.000 Verfahren im Jahr aus, die Medizinischen Dienste beziffern die Dunkelziffer auf mehr als 100.000.

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