Ärzte Zeitung online, 06.02.2009

Streit um Sterbehilfe in Italien gewinnt an Fahrt

ROM (dpa). Eluana darf sterben: Im Fall der seit 17 Jahren im Wachkoma liegenden Italienerin hat der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano jetzt ein Machtwort gesprochen. Nach Medienberichten lehnte er es ab, ein von der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Freitag beschlossenes Dekret zu unterzeichnen, das die Unterbrechung der künstlichen Ernährung Eluana Englaros verbietet. Ohne Unterschrift des Staatspräsidenten kann das Dekret nicht in Kraft treten.

Die 38-jährige Eluana Englaro war in der Nacht zum Dienstag aus einer Klinik im lombardischen Lecco in ein Altersheim in Udine transportiert worden. Am Freitagmorgen war dort die schrittweise Sterbehilfe eingeleitet worden.

Kritiker hatten bereits in den vergangenen Tagen angemerkt, das Vorhaben der Regierung, per Dekret gegen die zuvor gerichtlich genehmigte Sterbehilfe vorzugehen, unterminiere die Gewaltenteilung. Der Ministerrat in Rom hatte dennoch am Freitag einstimmig verfügt, die Unterbrechung der künstlichen Ernährung Eluana Englaros müsse gestoppt werden, solange es keine Gesetzgebung zur Sterbehilfe gebe (wir berichteten).

"Meine Entscheidung richtet sich ausschließlich nach der Verfassung", begründete Napolitano sein Vorgehen. Es seien keine wesentlich neuen Tatsachen aufgetreten, die ein Dekret rechtfertigten.

"Ich bin zutiefst enttäuscht", kommentierte Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des vatikanischen Rats für Recht und Frieden, das Eingreifen Napolitanos. Es sei ihm unbegreiflich, "all diese politischen Wirren, um einen Menschen umzubringen", sagte Martino. "Eluana lebt, hat ein Recht auf Leben, und die politische Gemeinschaft muss dieses mit allen Mitteln unterstützen". Zuvor hatte Monsignor Elio Sgreccia, ehemaliger Präsident der vatikanischen Akademie für das Leben, die Entscheidung des Ministerrats begrüßt.

"Ich müsste mich ja der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigen, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende getan hätten, um Eluanas Tod zu verhindern", begründete Berlusconi das Dekret. "Eluana ist nicht hirntot, sondern ein Mensch, der autonom atmet und theoretisch Kinder bekommen könnte." Wenn Napolitano nicht unterzeichnen wolle, müsste eben das Parlament eingreifen.  

Rund um den Fall Eluana war in den vergangenen Tagen die Sterbehilfedebatte in Italien wieder heftig entbrannt. Es kam erneut zu zahlreichen Protesten vonseiten des Vatikans, Sterbehilfegegnern und des Gesundheitsministeriums. Staatspräsident Napolitano hatte sich bereits am Freitagmorgen gegen ein Eingreifen im Fall Eluana ausgesprochen. Er forderte die Regierung schriftlich auf, sich lieber so schnell wie möglich um ein Gesetz zur Sterbehilfe zu kümmern. Bisher sind in Italien im Unterschied zu Deutschland, wo es ein Recht auf passive Sterbehilfe gibt, sowohl die aktive als auch die passive Sterbehilfe verboten.

Eluana Englaro war 1992 nach einem Autounfall ins Koma gefallen. Ihr Vater hatte immer wieder betont, Eluana habe ihm vor ihrem Unfall stets gesagt, in einem solchen, von Ärzten als "irreversibel" erklärten Zustand lieber sterben zu wollen. Er hatte jahrelang vergeblich darum gekämpft, die künstliche Ernährung seiner Tochter zu stoppen. Im vorigen November hatte das oberste italienische Berufungsgericht in letzter Instanz bestätigt, dass die künstliche Ernährung der Frau eingestellt werden könne. "Wir sind nicht allein", kommentierte der Anwalt der Familie das Nein Napolitanos.

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Italienische Koma-Patientin darf sterben

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