Ärzte Zeitung, 01.07.2011

Ein Allheilmittel ist die Regionalisierung nicht

Mit zentralistischen Strukturen sind die künftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen nicht zu bewältigen. Darüber waren sich Experten bei einer Podiumsdiskussion in Kiel einig.

Von Dirk Schnack

Ein Allheilmittel ist die Regionalisierung nicht

Dr. Heiner Garg: Parteiübergreifendes Finanzierungsfundament jenseits von Ideologien gesucht.

© Schnack

KIEL. Regionalisierung ist gewünscht, aber keine Patentlösung für die Probleme im Gesundheitswesen. Eigenverantwortung der Patienten und Initiative der Selbstverwaltung dürfen nicht fehlen.

Zu diesem Schluss kamen die Experten auf dem Podium der gesundheitspolitischen Veranstaltung des Fritz Beske Instituts für Gesundheits-System-Forschung Kiel.

Der gastgebende Gesundheitsökonom hatte seiner Expertenrunde zuvor die Rahmenbedingungen skizziert: Es wird immer Menschen geben, die länger im Ruhestand sind als sie gearbeitet haben und zugleich steigt die Morbidität.

So wird etwa die Zahl der Demenzkranken in Schleswig-Holstein bis 2050 um 120 Prozent zunehmen. Die alles lösende Reform dafür ist nicht in Sicht, stellte Beske klar. Aber kann die von manchen Ärzten wie ein Allheilmittel herbei gesehnte Regionalisierung helfen?

Ja, glauben die meisten Experten auf dem Podium. Die Phalanx der Befürworter reichte immerhin von Ärzten wie Dr. Ingeborg Kreuz (KV) und Dr. Klaus Bittmann (Ärztegenossenschaft) über Kassenvertreter Professor Herbert Rebscher, Ex-Landrat Dr. Volkram Gebel und Patientenvertreter Wolfram-Arnim Candidus bis zu Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP).

GBA-Chef Dr. Rainer Hess und Dr. Rudolf Kösters von der Deutschen Krankenhausgesellschaft warnten dagegen vor zu viel Optimismus. Hess gab zu bedenken, dass es einst die Ärzte waren, die nach mehr Zentralismus im Gesundheitswesen gerufen hatten, um eine Angleichung der Honorierung an die Bundesländer mit den besten Vergütungen zu erreichen.

Und: Patienten werden bundesweit auf gleiche Rechte und Leistungen pochen, gab er zu bedenken. Ob dies dauerhaft bei regional unterschiedlichen Verträgen möglich ist, müsse abgewartet werden.

Kösters verwies darauf, dass für regionale Verträge auch regional unterschiedliche Einnahmen generiert werden müssten: "Dann laufen wir dahin, wo wir schon waren. Und wir haben diesen Weg verlassen, weil es nicht lief."

Ein Allheilmittel ist die Regionalisierung nicht

Wolfram-Arnim Candidus: Menschen müssen eigenverantwortlich mit Körper und Gesundheit umgehen.

© Schnack

Die Befürworter nannten die Rahmenbedingungen, unter denen eine Regionalisierung aus ihrer Sicht funktionieren könnte. Garg will ein dauerhaftes finanzielles Fundament, das jenseits von Ideologien und Parteien bestehen müsse: "Sonst können wir so viel regionalisieren, wie wir wollen." Für dieses Fundament müssten "alle, die können" herangezogen werden.

Rebscher möchte eine bundesweite Finanzstruktur und einen bundesweiten Leistungsrahmen behalten, aber regionale Verhandlungen und Kooperationsmodelle ermöglichen. "Mit kleinteiligen Verträgen habe ich als Vertreter einer bundesweiten Kasse kein Problem", versicherte der Chef der DAK.

Kreuz verlangt, dass die Politik nur noch Rahmenbedingungen setzt und die Ausgestaltung komplett den Akteuren der Selbstverwaltung überlässt.

Candidus nannte als Voraussetzung, dass Politik den Menschen reinen Wein einschenkt, was mit den Ressourcen überhaupt noch finanzierbar ist. Zugleich sollte sie die Menschen stärker in die Pflicht nehmen und deutlich machen: "Ich bin für meinen Körper und meine Gesundheit selbst verantwortlich."

Bittmann nannte die Beseitigung des Besitzstandsdenkens im Gesundheitswesen als Voraussetzung: "Synergien suchen statt Kriegsschauplätze eröffnen." Gebel hat in seiner Zeit als Landrat im Kreis Plön vor Ort gespürt, dass manche Mangelszenarien in der Versorgung längst eingetreten sind.

Er beteuerte: "Wir in den Kommunen haben begriffen, dass wir selbst etwas tun können, etwa für die Hausärzte." Und die Selbstverwaltung? Rebscher machte viele nachdenklich, als er die längst bestehenden Möglichkeiten im gescholtenen deutschen Gesundheitssystem mit dem nach seiner Ansicht liberalsten Vertragsrecht der Welt lobte und mahnte.

"Wir haben es selbst in der Hand. Wir müssen nur zusammenfinden." Immerhin: Der DAK-Chef glaubt auch nach Jahrzehnten im Gesundheitswesen an die "Gestaltungskraft vernünftiger Menschen".

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »