Ärzte Zeitung, 17.04.2012

Hintergrund

Senioren-TÜV beim Hausarzt: Wer darf hinters Steuer?

Auch Senioren möchten mit dem Auto mobil sein. Doch offenbar sind viele den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Braucht es im Alter künftig ein ärztliches Attest für den Führerschein? Tests dafür gibt es jedenfalls.

Von Christine Starostzik

Senioren-TÜV beim Hausarzt: Wer darf noch hinters Steuer?

So schnell möchten Ältere das Steuer nicht aus der Hand geben.

© goodluz / fotolia.com

Die Zunahme des Anteils älterer Fahrer scheint eine neue Dynamik in den Straßenverkehr zu bringen. Das Statistische Bundesamt meldet: Waren über 65-jährige Pkw-Fahrer im Jahr 2010 in einen Unfall verwickelt, trugen sie in 66 Prozent der Fälle die Hauptschuld.

Damit lagen die Senioren auf gleicher Höhe mit den jungen Erwachsenen. Überholt wurde diese Quote noch von den 75-jährigen Fahrern mit 76 Prozent.

Unfallursachen bei den Senioren waren meist Vorfahrtsdelikte, gefolgt von Fehlern beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren sowie beim Ein- und Anfahren. Dieser Statistik stellt der ADAC die Zahl der Unfälle mit Personenschäden gegenüber.

Hier seien Autofahrer über 65 Jahren nur zu 13 Prozent Verursacher und damit weit unter dem Schnitt anderer Altersgruppen. Wie auch die Gewerkschaft der Polizei spricht sich der Automobilverband gegen eine regelmäßige verpflichtende Fahrtauglichkeitsuntersuchung für Führerscheininhaber aus.

Dass im Alter die körperliche und geistige Belastbarkeit nachlässt, ist erwiesen. So nimmt die Dämmerungssehschärfe ab, die Blendempfindlichkeit zu, und das Gesichtsfeld kann durch ein Glaukom eingeschränkt sein.

Hinweise auf frühe Demenz abklären

Zudem sinkt die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, und die Abnahme räumlich-konstruktiver Fähigkeiten führt zu veränderter Wahrnehmung. Die meisten älteren Fahrer stellen sich auf diese Einschränkungen ein.

Entsprechend weichen auch die Unfallmuster aufgrund der vorsichtigeren Fahrweise von den Mustern der Jüngeren ab. Nicht die wilde Überholjagd auf der Autobahn, sondern vor allem langsame Manöver scheinen Senioren in Schwierigkeiten zu bringen.

Ausschlaggebend für Fahreignung ist die Gesamtfähigkeit, sich im Alltag unter verschiedenen Bedingungen zurechtzufinden.

Dr. Andrej Zeyfang vom Zentrum für Altersmedizin in Stuttgart empfiehlt für die hausärztliche Beurteilung der Fahrtüchtigkeit neben einem Seh- und Hörtest ein Screening, das relativ frühe Hinweise auf eine Demenz gibt.

Bereits 7 bis 8 Prozent der über 65-Jährigen sind betroffen. Oft gelingt es den Patienten lange, die Fassade im täglichen Umgang aufrecht zu erhalten.

So ist es Sache des Hausarztes, die Zeichen richtig zu deuten. Besser als ältere Tests auf kognitive Fähigkeiten eignet sich zum Beispiel der "DemTect", der auch Teilleistungen erfasst.

Neben verschiedenen Performance-Tests wie dem "Geldzähltest", ist der "Uhrentest" am schnellsten durchführbar. Hier wird der Senior aufgefordert, eine Uhr zu zeichnen, die die vom Arzt vorgegebene Zeit anzeigt.

Grundsätzlich rät Zeyfang Diabetikern und Patienten nach Schlaganfall zur Vorsicht beim Autofahren.

Hoffnung auf technische Hilfsmittel

Ganz verzichten sollten Personen mit mindestens mittelgradiger Demenz oder schweren chronischen Erkrankungen, die zu plötzlichen Exazerbationen neigen, wie einer instabilen KHK.

Dies gilt auch für Personen mit Wahrnehmungseinschränkung, die nicht kompensierbar ist, wie zum Beispiel die altersbedingte Makuladegeneration.

Natürlich müssen Patienten, die sedierende, schlaffördernde oder schmerzlindernde Medikamente einnehmen, auf mögliche Beeinträchtigungen und Besonderheiten hingewiesen werden.

Zu Beginn einer Schmerztherapie mit Opiaten etwa ist ein Patient nicht fahrtüchtig, während er sich nach stabiler Einstellung wieder hinter das Steuer setzen kann. Zudem müssen bei multimorbiden Patienten Medikamentenwechselwirkungen beachtet werden.

Zeyfang würde eine gesetzliche Regelung zur Überprüfung der Fahrtüchtigkeit bei Senioren schon allein deshalb begrüßen, weil sie Hausärzte von dem Konflikt zwischen Schweige- und Sorgfaltspflicht befreit, wenn sie Probleme feststellen, die den Patienten zu einer Gefahr für die Verkehrssicherheit machen könnten.

Die einfache Regelung einer ärztlichen Kontrolle alle 15 Jahre zur Führerscheinverlängerung hält er allerdings nicht für sinnvoll, da sich in einem so langen Zeitraum der Gesundheitszustand alter Menschen drastisch verändern kann.

Angesichts der vielen mobilen Senioren hofft Zeyfang auch auf die künftige Unterstützung durch technische Hilfsmittel, die die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer verbessern.

DemTect: www.kcgeriatrie.de/instrumente/demtect.pdf
Geldzähltest nach Nikolaus: www.aerztezeitung.de/su/406373.html

[18.04.2012, 12:59:48]
Olaf Grenzer 
Einmal Führerschein, immer Führerschein
Nach diesem Motto läuft es in Deutschland. Mobilität auch im Alter ist wichtig und in vielen ländlichen Gebiten ohne Auto fast unmöglich. Wer ist Schuld daran? Die jungen Menschen in diesem Land jedenfalls nicht.
Diskriminiert werden z.Zt. nicht die Alten sondern die Jungen. Es ist doch überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man als junger Mensch für Geld zum Gesundheitscheck muss und dann 100 Jahre (blind, taub, krank) ohne erneuten Check fahren darf. Die Alterspyramide zeigt doch den Trend und dieser wird auch im Straßenverkehr zunehmend ein Problem. Den Führerschein überhaupt zu bekommen und anschließend zu behalten ist für junge Menschen mit viel Geld und Regeln verbunden. Es ist an der Zeit, auch Regeln für Ältere einzuführen. Den eins ist doch klar, freiwillig gibt niemand den Führerschein ab, auch ich nicht (47J). Alles andere ist Alterslobbyismus.
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[18.04.2012, 09:25:32]
Dirk A. Schmidt 
Senioren sind NICHT das Problem im Strassenverkehr
Nach allen Statistikekn die ich kenen und eigenen subjektiven Erfahrungen sind "nicht angepasste Geschwindigkeit", "gefährliches Überholen" und "Trunkenheit am Steuer" etc. KEINE seniorenspezifischen Unfallursachen. Im Gegenteil: Jugendliche Fahranfänger mit selbstüberschätzung verursachen viele schwere Unfälle. Bei den Senioren sind es eher die leichten "Parkplatzrempler". Ausnahmen bestätigen die Regel. Die o.g. Vorschläge sind m.E. aber eine nicht sachgerechte Diskreminierung von Senioren und daher unangemessen!
PS: Ich selebr bin 51 Jahre alt! zum Beitrag »

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