Ärzte Zeitung, 01.07.2013
 

Mitochondrien-Ersatz

Briten wollen umstrittene IvF erlauben

Die britische Regierung betritt Neuland: Sie will eine IvF-Methode zum Ersatz von Mitochondrien in befruchteten Eizellen erlauben. Das Verfahren ist umstritten. In vielen Ländern ist es verboten, auch in Deutschland. Ein Tabubruch?

Von Peter Leiner

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Modell eines Mitochondriums. Die Prävention von Mitochondriopathien durch den Ersatz dieser Zellorganellen bietet eine Chance, die Krankheit in den Familien zu eliminieren.

© Mopic/Fotolia.com

LONDON. Als weltweit erstes Land hat die britische Regierung angekündigt, eine Gesetzesvorlage zum Mitochondrienersatz zu erarbeiten, die in den kommenden Monaten öffentlich beraten werden soll.

Wie Chief Medical Officer Professor Dame Sally Davies, Beraterin der Regierung in Angelegenheiten des Gesundheitswesens, in einer Mitteilung betont hat, sei es richtig, diese lebensrettende Technik der künstlichen Befruchtung (IvF) zur Prävention von Mitochondriopathien rasch zuzulassen.

Dem Parlament soll im kommenden Jahr eine Endversion des Gesetzes vorgelegt werden. Optimisten in Großbritannien halten es für möglich, dass das IvF-Verfahren in zwei Jahren Paaren mit erhöhtem Risiko für eine ausgeprägte Mitochondriopathie angeboten werden könnte.

Etwa 12.000 Menschen sind in Großbritannien an einer Mitochondriopathie erkrankt. Bei einem von 6500 Neugeborenen wird dort eine solche genetische Erkrankung diagnostiziert. In Deutschland rechnen Humangenetiker mit einer Prävalenz von mindestens 1 bis 1,5 auf 10.000 Neugeborenen; viele leicht verlaufende Erkrankungen werden vermutlich nicht entdeckt.

Zu den genetischen Erkrankungen mit intrazellulärem Energiemangel aufgrund der gestörten oxidativen Phosphorylierung zählt die Lebersche hereditäre Optikusneuropathie und die mitochondriale Myopathie.

Eine Folge der Mutationen können Muskelschwäche, Diabetes, neurodegenerative und kardiovaskuläre Erkrankungen sein. Schätzungen zufolge lassen sich jährlich zehn Todesfälle durch Mitochondriopathien verhindern.

Zur Erinnerung: In einer Umfrage der Behörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity) in Großbritannien hatten die meisten diese Präventionsoption begrüßt.

Embryonen als Quelle für Ersatzteile?

Daraufhin hatte die Regulierungs- und Überwachungsbehörde für alle britischen Kliniken detaillierte Empfehlungen zum Umgang mit der bisher auch dort verbotenen Therapieoption bei Mitochondriopathien gegeben, falls die Regierung eine Gesetzesänderung plane. Das ist jetzt der Fall.

Bei der von den Forschern um die Professoren Dr. Patrick Chinnery und Dr. Doug Turnbull von der Universität von Newcastle entwickelten Methode wird das Kern-Erbgut eines Spermiums und das einer Eizelle von einer Frau mit mitochondrialer Erkrankung kurz nach der Befruchtung - also noch als sogenannte Vorkerne - in die zuvor entkernte Eizelle einer gesunden Eizellspenderin übertragen.

Auf diesem Wege der künstlichen Befruchtung wird man die mutierte DNA der Mitochondrien in der Eizelle der betroffenen Frau elegant los. Wie in anderen Ländern ist auch in Deutschland dieses Verfahren der künstlichen Befruchtung verboten.

Nicht nur Chinnery und Turnbull vom Wellcome Trust Centre for Mitochondrial Disease Research begrüßen die Initiative der britischen Regierung, sondern auch Robert Meadowcroft von der Muscular Dystrophy Campaign und Sir John Tooke, Präsident der Academy of Medical Sciences.

Anders sieht es Dr. David King, Leiter der Organisation Human Genetics Alert. mit Sitz in LondonWie er der BBC sagte, seien derartige Verfahren nicht notwendig, zudem unsicher.

Helen Watt vom Christian Anscombe Bioethics Centre in Oxford befürchtet, mit dem modifizierten IVF-Verfahren würden Embryonen als "Quelle für Ersatzteile" geschaffen, wie sie dem "Guardian" sagte.

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Zweifelhafte Pioniertat

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