Ärzte Zeitung, 01.10.2013

Organtransplantation

Transparenz kann die Debatte ändern

Rationierung in der Transplantationsmedizin: Medizinethische Verwerfungslinien und informationelle Defizite.

BERLIN. Rainer Hess tat sich fühlbar schwer mit dem ihm gestellten Thema. Der Interims-Chef der Deutsche Stiftung Organtransplantation sollte beim 6. Deutschen Internistentag über "Rationierung in der Medizin am Beispiel der Transplantationsmedizin" sprechen.

Ob der Begriff Rationierung in diesem Zusammenhang überhaupt tauge, zweifelte der frühere GBA-Chef. Tatsächlich warten Betroffene in Deutschland nicht wegen Geldmangels oft jahrelang auf ein Organ, sondern weil es keine gibt.

Auf diesen Unterschied zu anderen Rationierungskonzepten, wie zum Beispiel die zur bewussten Einschränkung des Leistungskataloges der gesetzlichen Kassen, wies Hess ausdrücklich hin. Dass es im privat organisierten deutsch-niederländischen Organgewinnungs- und -verteilungssystem medizinethische Verwerfungslinien und informationelle Defizite gibt, räumte Hess gleichwohl ein.

"Wir haben keine Daten, um die Erfolgsaussichten einer Transplantation zu erkennen", sagte Hess. Erst allmählich würden die vorhandenen Daten zusammengeführt.

Dringlichkeit oder Überlebensdauer?

Zu einem Transplantationsregister und einer völligen Transparenz des Transplantationsgeschehens in Deutschland gebe es keine Alternative, wenn das System nicht weiter als manipulationsanfällig gelten solle.

Die Transparenz wird nicht ohne Folgen für die Debatte bleiben. Auch darauf wies Hess hin. Die geforderte Offenheit könnte denjenigen Argumente liefern, die bei der Organvergabe den zu erwartenden Nutzen vor die gebotene Dringlichkeit stellen wollen.

In anderen Ländern Europas ist es längst Usus, die mögliche Dauer des Überlebens eines Patienten mit einem fremden Organ stärker zu gewichten. Sprich: Jüngere Patienten sollen höhere Chancen haben, ein neues Organ zu bekommen.

Da hinein spielt auch die Dauer der Dialyse. Je länger ein Patient auf die Blutwäsche angewiesen sei, desto schwächer würden seine Erfolgsaussichten bei einer Organverpflanzung, sagte Hess. (af)

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