Ärzte Zeitung online, 17.03.2017
 

Neue Studie

Fast jeder siebte Bundesbürger missbraucht

Eine neue Studie der Universität Ulm lässt aufhorchen: 13,9 Prozent der Befragten gaben an, in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren zu haben.

BERLIN. Fast jeder siebte Bundesbürger hat nach einer neuen wissenschaftlichen Studie als Kind sexuellen Missbrauch erfahren. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage unter rund 2500 Bundesbürgern von 14 bis 94 Jahren hervor, die Forscher der Uni Ulm am Donnerstag in Berlin vorstellten.

Danach gaben 13,9 Prozent der Befragten an, dass sie in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebten. Daneben ermittelten die Wissenschaftler für ihre Studie auch die Häufigkeit für emotionale und körperliche Misshandlung sowie Vernachlässigung. Danach trifft Gewalt als Kindheitserfahrungen knapp ein Drittel (30,8 Prozent) der Bevölkerung in Deutschland.

Bei einer vergleichbaren Studie, die 2010 gemacht und 2011 veröffentlicht wurde, gaben 12,6 Prozent der Befragten sexuelle Übergriffe an, berichtete Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm. "Es gibt also keine Entwarnung und keinen Rückgang.

- Sexueller Missbrauch: Fast jede fünfte befragte Frau (18 Prozent) und fast jeder zehnte befragte Mann (9,3 Prozent) gab bei den jüngsten Interviews Übergriffe an. Von schweren bis extremen Handlungen berichteten darunter 11,3 Prozent der Frauen und 3 bis 4 Prozent der Männer. Insgesamt sprechen rund 3 Prozent mehr Frauen als 2010 über Missbrauchserfahrungen. Bei den Männern blieb der Wert fast gleich. "Über die Gründe kann man nur spekulieren. Entweder hat sich die Offenheit beider Geschlechter, darüber zu reden, unterschiedlich entwickelt. Oder es gab zahlenmäßig noch einmal mehr Übergriffe auf Frauen", sagt Studienautor Jörg Fegert.

- Körperliche Misshandlung: Rund jeder sechste Befragte (12,3) Prozent gab an, als Kind Schläge, Stockhiebe oder andere Prügelstrafen bekommen zu haben. Die Zahl ist seit 2010 damit fast gleich geblieben (12,1 Prozent). "Bei körperlichen Misshandlungen sehen wir aber vor allem in den jüngsten Altersgruppen einen Rückgang. Das hat wohl mit dem allmählichen Sterben des väterlichen Züchtigungsrechts zu tun", mutmaßt Fegert. Dieser positive Trend habe in den 1980er Jahren begonnen. Doch erst im Jahr 2000 habe gewaltfreie Erziehung Eingang ins Grundgesetz gefunden. "Das zeigt, wie lang das braucht, bis sich Präventionseffekte zeigen", ergänzt er.

- Emotionale Misshandlung: Dies ist der einzige Bereich, in dem die Zahlen seit 2010 signifikant gestiegen sind – von 15 auf 18,6 Prozent. "Heute wissen wir, dass das bei der Weiterentwicklung der Psyche gleichschlimme Auswirkung hat wie körperliche Misshandlung", sagt Experte Fegert. Er vermutet, dass die Zahlen steigen, weil der Fokus mehr auf dieser stillen Tortur liegt - und das Bewusstsein für die Folgen steigt.

- Körperliche Vernachlässigung: Daran erinnern sich mit fast 42 Prozent die meisten Befragten. Es sind aber deutlich weniger als noch 2010, als noch fast die Hälfte der Interviewten (48,5 Prozent) zustimmte. "Die gute Botschaft ist, dass Vernachlässigung, zum Beispiel bei Ernährung, Körperpflege, Kleidung und Gesundheitsvorsorge stark zurückgegangen ist", sagt Fegert. Das liege vor allem daran, dass die Altersgruppe, die die Not und Elend im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit unmittelbar erlebte, kleiner werde.

- Spätfolgen: Bei Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung durchlitten, ist ein höheres Risiko für psychische Folgen, Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und chronische Schmerzprobleme. (dpa)

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