Ärzte Zeitung, 24.02.2018

Grafeneck

Als Ärzte zu Mördern wurden

Vor 78 Jahren haben Ärzte auf der Schwäbischen Alb in Grafeneck erstmals Patienten mit Gas ermordet. Nachdem 10.654 Menschen tot waren, setzte das Schweigen ein. Jetzt hat die Ärztekammer an das dunkle Kapitel erinnert.

Von Florian Staeck

Als Ärzte zu Mördern wurden

Das Buch der Namen in der Gedenkstätte Grafeneck. Von den 10 654 Opfern sind einige Hundert noch immer nicht bekannt.

© Horst Rudel

Grafeneck. Die Ärztekammer Baden-Württemberg hat an das dunkelste Kapitel der Ärzteschaft erinnert. Am 18. Januar 1940 sind in Grafeneck erstmals Patienten in einer stationären Gaskammer getötet worden.

Ärzte bedienten dabei die Vergasungsvorrichtung. Grafeneck wurde zum Experimentierfeld für die systematische Tötung von Millionen Menschen in den NS-Vernichtungslagern.

Auf den Tag genau 78 Jahre nach dem Beginn der Morde hat Landesärztekammer-Präsident Dr. Ulrich Clever eine Gedenktafel vor der Dokumentationsstätte Grafeneck enthüllt, die an die Untaten der Ärzte erinnert.

Die Wortwahl lässt keine Unzweideutigkeiten zu und wurde in den Gremien der Landesärztekammer kontrovers diskutiert: "Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte an diesen Verbrechen. Wir mahnen, niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten", heißt es auf der Tafel.

Ein arbeitsteiliges, staatliches Verbrechen

Mit einer Tagung von Vorstand und Delegierten der Ärztekammer am 18. Januar in Grafeneck sowie einer Begehung der Gedenkstätte setzte die Kammer ihre vor Jahren begonnene Auseinandersetzung mit der Rolle von Ärzten in der NS-Zeit fort.

Grafeneck liegt idyllisch auf der Schwäbischen Alb, rund 40 Kilometer südöstlich von Reutlingen. Das ehemalige Jagdschloss der Herzöge von Württemberg gehörte seit 1928 der Samariterstiftung Stuttgart.

Das damals sogenannte "Krüppelheim" wurde im Oktober 1939 vom Staat beschlagnahmt und binnen weniger Monate zu einer Tötungsanstalt umgebaut. Das auf einem Plateau gelegene Gelände wurde um eine Holzbaracke mit rund 100 Betten, einen Stellplatz für Busse, ein Krematorium sowie eine Vergasungsanlage erweitert.

Binnen nur zwölf Monaten wurden dort 10.654 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen umgebracht. Es war ein arbeitsteiliges, staatliches Verbrechen, an dem verschiedene Ebenen, von der Planung bis zur Ausführung, beteiligt waren.

Zugleich bildeten die Morde in Grafeneck den Auftakt für ein Verbrechen, das nach 1945 mit der Chiffre "T4" bezeichnet wurde. "T4" steht für die Zentralstelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, von wo aus die Krankenmorde systematisch vorbereitet wurden.

Grafeneck war die erste von reichsweit sechs Tötungsanstalten, in denen mehr als 70.000 Menschen unter dem Tarnbegriff des "Gnadentods" ermordet wurden. Im September 1939 hatte Hitler in einem nicht-offiziellen Schreiben unter anderem den Arzt Dr. Karl Brandt beauftragt, die Befugnisse "namentlich zu bestimmender Ärzte" so zu erweitern, dass Patienten "bei kritischester Beurteilung ihres Erkrankungszustands der Gnadentod gewährt werden kann".

Chirurg als Cheforganisator

Als Ärzte zu Mördern wurden

Besichtigung der Delegation der Landesärztekammer vor dem Schloss Grafeneck, dem Sitz der Täter im Jahr 1940. In der Mitte: Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck.

© Horst Rudel

Brandt, im Nürnberger Ärzteprozess 1947 zum Tode verurteilt, wurde zum Cheforganisator der Aktion "T4". Der Chirurg, später zum "Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen" aufgestiegen, ließ noch während des Prozesses kein Unrechtsbewusstsein erkennen. Er rechtfertigte sein Tun als verantwortungsvoll im Sinne einer dem Kollektiv verpflichteten Ethik.

Für die Tötungsanstalt in Grafeneck wurden 80 bis 100 Männer und Frauen rekrutiert. Ärzte, Polizeibeamte, Transport- und Wachpersonal bis hin zu den sogenannten Leichenbrennern, die das rund um die Uhr rauchende Krematorium bedienten.

Zugleich betrieb der NS-Staat hohen Aufwand, um die Morde zu verheimlichen. Eigens wurde im Grafenecker Schloss ein Standesamt eingerichtet, von dem aus "Trostbriefe" an die Angehörigen versandt wurden. Die Schemabriefe wurden von den Ärzten mit falschem Namen unterzeichnet. Die darin angegebenen Erkrankungen, die angeblich zum Tod der Betroffenen geführt haben sollen, erregten nicht selten das Misstrauen und den Protest der Angehörigen.

Zentral von Berlin aus organisiert, wurden an 500 Pflege- und Heilanstalten im ganzen Reich Meldebögen versandt, auf deren Basis über Leben und Tod der Heimbewohner entschieden wurde.

Nicht die "kritischeste Beurteilung" des Erkrankungszustands, wie von Hitler angegeben, sondern insbesondere die Frage der Arbeitsfähigkeit der Patienten entschied über ihr Schicksal.

Für die Ausstellung der Deportationsbefehle an die Pflegeeinrichtungen in Baden und Württemberg sorgte in Stuttgart eine erschreckend effizient arbeitende Ministerialbürokratie.

Der Ranghöchste war der Arzt Eugen Stähle, Leiter der Gesundheitsabteilung im württembergischen Innenministerium, dem alle staatlichen und privaten württembergischen Anstalten direkt unterstellt wurden.

Aus 40 Anstalten in Baden und Württemberg stammten die in Grafeneck ermordeten Patienten. Weitere Opfer kamen aus Bayern, Rheinland-Pfalz und dem heutigen Nordrhein-Westfalen. Doch schon bald wusste die Bevölkerung über die Vorgänge in Grafeneck Bescheid. Graue Busse holten die Patienten in ihren Einrichtungen ab und brachten nur wenig später die Kleider der Ermordeten zurück.

Proteste erreichen Himmler

Im Laufe des Jahres 1940 nahmen die Proteste der Bevölkerung zu, die Schreiben von Kirchenvertretern an den Justiz- und den Innenminister wurden immer drängender. Am 19. Dezember befand Heinrich Himmler, "Reichsführer-SS", auf der Alb gebe es wegen Grafeneck eine "große Erregung".

"Die Bevölkerung kennt das graue Auto der SS und glaubt zu wissen, was sich in dem dauernd rauchenden Krematorium abspielt". Angesichts der "schlimmsten Stimmung" vor Ort, sollte die "Verwendung der Anstalt" gestoppt werden. Tatsächlich waren bereits am 13. Dezember die letzten Patienten vergast worden.

Es ist gleichwohl unwahrscheinlich, dass die Proteste Auslöser für den Stopp der Tötungen in Grafeneck waren. Als wahrscheinlich gilt, dass die Mannschaft im Schloss ihr "Plansoll" übererfüllt hatte. Vorgenommen hatten sich die Täter, 20 Prozent der Bewohner in Heil- und Pflegeanstalten umzubringen.

Ende 1940 war bereits die Hälfte der Bewohner getötet worden. Nach dem offiziellen Ende der Aktion "T4" durch einen Erlass Hitlers im August 1941 machten sich Statistikbeamte an die Bilanzrechnung. Durch den "Gnadentod" für mehr als 70.000 Patienten ergebe sich für das Deutsche Reich eine Ersparnis von 88 Millionen Reichsmark im Jahr, hieß es.

Binnen weniger Wochen räumten die Täter das Schloss, kein Blatt Papier blieb zurück. Das Krematorium wurde penibel abgetragen. Nur 270 Urnen mit Asche ließen sie zurück.

Das Personal in Grafeneck wurde in Urlaub geschickt – um ab Januar 1941 seine mörderische Arbeit in der Anstalt Hadamar bei Limburg fortzusetzen.

Viele personelle Verbindungslinien zur Shoa

Als Ärzte zu Mördern wurden

Propaganda-Plakat: Die eugenische Ideologie der Nazis hat eine bis ins 19. Jahrhundert reichende Vorgeschichte.

Grafeneck als erster Ort der beispiellosen Krankenmorde im NS-Staat weist viele personelle Verbindungslinien zur Shoa auf, der Ermordung der europäischen Juden.

Der erste "Ärztliche Leiter" in Grafeneck, Dr. Horst Schumann, war ab 1942 Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau. Der Stuttgarter Polizeikommissar Christian Wirth wurde später Kommandant mehrerer Vernichtungslager.

Nach dem Ende der NS-Zeit legte sich eine bleierne Stille über Grafeneck. Noch 1965 begrüßte es eine Regionalzeitung, dass das landwirtschaftliche Gebäude, das als Gaskammer gedient hatte, abgerissen wurde.

Angehörige der Opfer haben erst in den letzten Jahren eine Sprache für das Reden über die Vergangenheit gefunden. Die ärztliche Psychotherapeutin Dr. Verena Wild-Barth aus Freiburg, Mitglied der Vertreterversammlung der Kammer, hat selbst einen Onkel in Grafeneck verloren. Seine Ermordung sei weit über das Kriegsende hinaus in der Familie verleugnet worden, berichtete sie bei der Kammertagung.

Inzwischen leben auf dem Gelände des Samariterstifts Grafeneck wieder 150 Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen und werden dort betreut. Es ist ein Gegenentwurf zur lebensverachtenden, mörderischen Ideologie der Täter von einst.

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