Ärzte Zeitung, 24.02.2018

Grafeneck

Erinnerung an Morde lebt nach 70 Jahren auf

Der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle, über die Phasen der Erinnerung seit 1945. Nach zwei Generationen des Schweigens gibt es heute eine vielfältige und lebendige Erinnerungskultur.

Von Florian Staeck

Ärzte Zeitung: Sie haben Ihre Arbeit 1996 in Grafeneck begonnen. Wie wurde in den 1990 Jahren an die Morde erinnert?

Thomas Stöckle: 50 Jahre nach den Morden, im Jahr 1990, ist die Gedenkstätte überhaupt erst eingeweiht worden. Was bis zu dieser Zeit weitgehend fehlte, war geschichtswissenschaftliche Forschung zu diesem Komplex – ganz zu Schweigen von einer Verankerung dieses Themas in schulischen Bildungsplänen oder Seminarangeboten an Universitäten.

Kannte man vor rund 30 Jahren die Zahl der Opfer?

Thomas Stöckle

Erinnerung an Morde lebt nach 70 Jahren auf

© Horst Rudel

Jahrgang 1964

Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart.

Seit 2000 Leiter der Gedenkstätte Grafeneck

Stöckle: Ja, schon das Schwurgericht Tübingen hatte die Zahl von 10.654 Opfern festgestellt. Nahezu unbekannt war zu diesem Zeitpunkt die Identität der Opfer – ihre Namen, ihre Geburtsdaten sowie Geburts- und Wohnorte. Damit war sozusagen bei meinem Dienstantritt 1996 klar, dass meine Arbeit über einen klassischen wissenschaftlichen Ansatz hinausgehen würde.

War Grafeneck zu dieser Zeit ein blinder Fleck auch in der Geschichtswissenschaft?

Stöckle: In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Erinnerung schon noch sehr präsent. Im Grundgesetz findet sich die Konsequenz der lebensverneinenden Ideologie des NS-Staates. Es weist dem Staat die Aufgabe des Würdeschutzes des Einzelnen in allen Sphären der Gesellschaft zu. Doch nach 1949 bricht die Beschäftigung mit den Morden in Grafeneck für fast zwei Generationen ab. Im Ergebnis beginnt die Erinnerung an die Shoa erst in den 80er Jahren neu, die an die "Euthanasie"-Verbrechen sogar erst nach dem Jahr 2000.

Was bedeutete das für Ihre Arbeit in Grafeneck?

Stöckle: Ab Mitte der 1990er Jahre wurde offensichtlich, dass zum Aufgabenfeld der Gedenkstätte die wissenschaftliche Forschung, aber auch eine öffentlichkeitswirksame Dokumentation gehörte. Die Opfer in Grafeneck kamen aus 50 Kliniken, vor allem aus dem heutigen Baden-Württemberg. Als die intensivere Forschung in den 90er Jahren begann, lagen in den Kliniken die Akten der Patienten, die dort abgeholt wurden, teilweise noch unangerührt in den Archiven. Niemand hat sich um diese Archivalien gekümmert. So dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis 2005 das Dokumentationszentrum gebaut werden konnte. Der Ministerpräsident des Landes hat damals die Schirmherrschaft der Gedenkstätte übernommen.

Was ist das Besondere des Erinnerns in Grafeneck?

Stöckle: Es gibt keine Überlebenden der Morde in Grafeneck, anders als bei den Zwangsarbeitern, anders als in Auschwitz. Die betroffenen Familien haben zwei Generationen ganz überwiegend geschwiegen, die Kliniken, aus denen die Patienten stammen, ebenso. Erst sehr spät ist ein Opferverband von Angehörigen gegründet worden.

Wie hat sich mit dem Zentrum ab 2005 ihre Arbeit verändert?

Stöckle: Vor allem dadurch, dass Bildung und Begegnung als weitere Schwerpunkte dazugekommen sind. Denn mit dem Dokumentationszentrum kamen auch die Besucher. Heute besuchen jährlich etwa 30.000 Menschen die Gedenkstätte, ingesamt 500 bis 600 Gruppen. Rund 400 Gruppen nehmen pro Jahr hier bei uns an einem Seminar teil.

Was kann der Besucher in der Dokumentationsstätte erfahren und lernen?

Stöckle: Unser Ziel ist es, die Besucher kognitiv, aber auch emotional zu erreichen. Im Wesentlichen antwortet unsere Dauerausstellung im Dokumentationszentrum, das sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr für Besucher geöffnet hat, auf zwei Fragen: Was ist hier 1940 geschehen und warum? Wie ging man 1945 mit diesem Zivilisationsbruch, der industriellen Ermordung von Hilfsbedürftigen und kranken Menschen um?

Zehn Jahre nach der Gründung des Dokumentationszentrums: Welche Neuerungen würden Sie sich wünschen?

Stöckle: Es gibt zurzeit eine einmalige historische Gelegenheit. Das Schloss der Samariterstiftung, das 1939 bis 1941 Sitz der Täter war, steht aktuell leer. Die letzten behinderten Bewohner sind ausgezogen. Wir von der Gedenkstätte nutzen das Schloss seit 15 Jahren für die Bildungsarbeit – diese Funktion muss unbedingt erhalten bleiben. Ich würde mir wünschen, wir könnten die Dokumentation in das Schloss verlängern. Dann könnte man zum Beispiel die Ideenvorgeschichte der "Euthanasie" aufzeigen, etwa im Hinblick auf die eugenische Bewegung. Heute wissen wir biografisch viel mehr über Opfer und Täter als noch Anfang der 2000er Jahre – das würden wir gerne den Besuchern zeigen.

Gibt es in Grafeneck heute eine lebendige Erinnerungskultur?

Stöckle: Ja, unbedingt. Jede Woche erhalten wir Dokumente, Fotos oder Zeugnisse von Familien der Opfer. Die Erinnerung, die vor zwei Generationen abgebrochen ist, wird jetzt wieder aufgenommen. Dies gilt für die Familien, aber auch für Städte und Kommunen, Kliniken und Heime – und nicht zuletzt die staatlichen Institutionen, die vor fast 80 Jahren mit der Ermordung von Menschen befasst waren. Es gibt heute noch eine dreistellige Zahl von unbekannten Opfern aus Grafeneck. Doch ihre Zahl wird zum Glück immer kleiner werden.

Der Historiker Professor Eberhard Jäckel, der über Jahrzehnte zum Nationalsozialismus geforscht hat, schlug Mitte der 90er Jahre Thomas Stöckle als Mitarbeiter für die Gedenkstätte vor.

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