Ärzte Zeitung online, 18.08.2017
 

Nach Barcelona-Anschlag

Zwischen Trauer und Krankenversorgung

Spanien steht unter Terror-Schock: Nach den Attacken in Barcelona und im Badeort Cambrils wurden die Verletzten in 15 Krankenhäusern der Stadt behandelt, viele weitere haben sich selbst medizinische Hilfe gesucht. Die „Ärzte Zeitung“ hat über die Situation vor Ort fortlaufend berichtet.

Von Anno Fricke

Zwischen Trauer und Krankenversorgung

Teddys liegen auf der Flaniermeile "Las Ramblas" in Barcelona, wo am 17.8. ein Lieferwagen in eine Menschenmenge gefahren war.

© dpa

Freitag 19:10 h

Die ersten acht Opfer sind namentlich identifiziert worden: Neben Spaniern zählen Italiener, Portugiesen und eine Belgierin zu den Getöteten. Fünf der Opfer seien noch nicht identifiziert, sagte ein Vertreter der katalanischen Regionalregierung. Noch scheinen keine Deutschen unter den Toten zu sein. Allerdings schwebt noch einer der 13 verletzten Jugendlichen in Lebensgefahr.

Derweil geht eine Welle der Hilfsbereitschaft durch Barcelona. Allein in der zweigrößten Klinik der Stadt haben sich 300 Menschen zur Blutspende gemeldet, darunter auch etliche Touristen.

17:10 h

Der aktuelle Stand bei den Verletzten sieht nun so aus: Nach Angaben spanischer Behörden sind 61 der bei den Attentaten in Barcelona und Cambrils verletzten Personen am späten Freitagnachmittag aus den Krankenhäusern in Barcelona und Tarragona entlassen worden. 65 befinden sich demnach noch in stationärer Behandlung (61 in Barcelona, vier in Tarragona). Nach neuesten Meldungen befinden sich noch 17 Patienten in lebensbedrohlichem Zustand. Weitere 28 Personen sind als schwer verletzt eingestuft, wie der medizinische Notfalldienst der Generalitat twittert.

16:50 h

In der Folge des Attentats in Barcelona haben bis Freitagnachmittag knapp 100 Menschen psychologischen Beistand gesucht und erhalten. Mehr als 30 Menschen übernachteten sogar in der Obhut der Helfer im Notfallzentrum Barcelonas (CUESB). Eine nicht näher bezifferte Zahl von Betroffenen sei wegen seelischer Traumata in Kliniken gebracht worden, hieß es am Freitagnachmittag.

Die Leichen der Todesopfer befinden sich derzeit im rechtsmedizinischen Institut der Stadt Barcelona. Unter Aufsicht eines Richters versuchen Forensiker die Opfer zu identifizieren, melden Quellen der Justizbehörden. Sobald die Identität eines der Getöteten bekannt ist, informieren die Behörden die Angehörigen und bei Ausländern die zuständigen Konsulate.

15:40 h

Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurden in Barcelona 13 Deutsche teils lebensgefährlich verletzt. Von dem Anschlag ist auch eine Jugendgruppe aus Oberhausen betroffen. Hier sollen Medienberichten zufolge drei Jugendliche verletzt worden sein. Mehr Glück hatten vier Mädchen einer Jugendgruppe aus dem Landkreis Main-Spessart, die auf der "Las Ramblas" unterwegs waren. Der Bayerische Rundfunk berichtet, die Mädchen hätten unverletzt vor dem Lieferwagen in ein Hotel flüchten können.

Zwischen Trauer und Krankenversorgung

Trauer und Fassungslosigkeit nach dem Anschlag im Herzen Barcelonas.

© dpa

14:45 h

Die spanische Gesundheitsministerin Dolors Montserrat, der Präsident der spanischen Autonomieregion Katalonien Carlos Puigdemont und der katalanische Gesundheitsminister Antoní Comín haben am Freitagvormittag Verletzte in mehreren Krankenhäusern der Stadt besucht. Comín bestätigte im Anschluss daran, dass es etwa 130 Verletzte gebe, von denen 16 in kritischem Zustand seien. „In diesem Moment können wir nicht sagen, ob sie überleben werden“, sagte Comín der digitalen Lokalzeitung „lamanyana.cat“. Zudem werden 15 Schwerverletzte, 23 weniger schwer Verletzte und 42 leicht Verletzte bestätigt. Über den Zustand der übrigen gibt es noch keine Aussagen.

Die Zahl der Blutspenden in Katalonien habe sich auf einen Schlag um den Faktor fünf vervielfacht, berichtete der Minister. Da die Kapazitäten für den Andrang nicht ausreichten, bat Comín weitere potenzielle Spender, sich erst in der kommenden Woche wieder vorzustellen. Die Verletzten sind in 15 Krankenhäuser und Gesundheitszentren der Stadt eingeliefert worden. Ähnlich weitgestreut war die Versorgung auch nach dem Anschlag in Berlin gewesen.

Derzeit befinden sich in folgenden Krankenhäusern und Gesundheitszentren Verletzte: Hospital del Mar (16), Hospital Sant Pau (8), Clínic (8), Sant Joan de Déu (2), Hospital de Bellvitge (3), Sagrat Cor (7), Centro de Urgencias y Atención primaria CUAP Manso (2), Clínica Platón (7), Hospital Vall d’Hebron (6), CUAP Perecamps (1), Hospital Moisés Broggi (4), Hospital Esperit Santa Coloma de Gramenet (3), CUAP Sant Martí (4), Hospital de Can Ruti de Badalona (2) y Hospital Dos de Mayo (7). Es gibt bislang 14 Todesopfer.

Offizielle Stellen bestätigen, dass zahlreiche Verletzte auf eigene Faust in Kliniken und Arzpraxen gekommen seien. Daher könnten derzeit nur vorläufige Zahlen gemeldet werden.

Die Bundesregierung prüft derzeit, ob auch Deutsche unter den Opfern sind. Das ZDF hatte unter Berufung auf Sicherheitskreise von drei deutschen Todesopfern berichtet. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte diese Information zunächst nicht. In einer – ebenfalls vorläufigen – Übersicht des katalanischen Zivilschutzes heißt es, dass unter den Opfern Angehörige aus 34 Ländern der ganzen Welt seien.

12:30 h

 In Barcelona wird den Opfern der Terrorattacke von "Las Ramblas" mit einer Schweigeminute gedacht. Auf der berühmten Plaça de Catalunya versammelten sich um 12 Uhr unter anderem auch König Felipe VI. und Ministerpräsident Mariano Rajoy sowie zahlreiche weitere Politiker und Behördenvertreter.

Was bisher geschah

Am Freitag Morgen war von einem weiteren Anschlagsversuch berichtet worden. In Cambrils, rund 100 Kilometer südwestlich der katalanischen Metropole Barcelona gelegenen, erschossen spanische Einsatzkräfte in der Nacht zu Freitag fünf mutmaßliche Terroristen. Sie sollen in dem Badeort an der Costa Dorada (Goldküste) kurz davor gestanden haben, einen weiteren Terroranschlag zu verüben.

Zunächst hatte es geheißen, die fünf Männer hätten Sprengstoffgürtel getragen. Diese erwiesen sich später jedoch als Attrappen, teilte die katalanische Polizei mit. Die Sicherheitskräfte nahmen drei mutmaßliche Terroristen fest und fahndeten laut einem Zeitungsbericht noch nach einem neuen Hauptverdächtigen. Bei der Terrorattacke in Cambrils wurden sieben Menschen verletzt, zwei davon schwer, wie der katalanische Zivilschutz auf Twitter schrieb. Eine Frau ist inzwischen gestorben.

Am Donnerstag war zuvor ein Attentäter mit einem Lieferwagen von der Plaça de Catalunya aus in die Fußgängerzone der Promenade "Las Ramblas" gefahren. Es gab Tote und über 100 Verletzte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag laut ihrem Sprachrohr Amak für sich. 

Zwischen Trauer und Krankenversorgung

Notfallversorgung unmittelbar nach dem Anschlag am Donnerstag in Barcelona.

© Florian Laune / dpa

Folgen für das Gesundheitssystem

Die aktuelle Herausforderung trifft das katalanische Gesundheitssystem in schweren Zeiten. Dem staatlichen Gesundheitswesen stehen mit rund 8,4 Milliarden Euro rund 1,5 Milliarden Euro zur Versorgung der rund 7,5 Millionen Einwohner weniger zur Verfügung als noch 2010 – eine Folge der Finanzkrise.

Die Knappheit hat Folgen, es wird priorisiert: Rund 160000 Menschen warten auf geplante Operationen, mehr als 100000 warten gar auf dringend benötigte Diagnosen. Entzündungen und Neubildungen werden laut Aussagen des Ex-Präsidenten der katalanischen Ärztekammer Miquell Vilardell nicht auf die Warteliste gesetzt.

Anders als in Deutschland werden in Katalonien nur in einigen wenigen Krankenhäusern sowohl Kassen- als auch Privatpatienten behandelt. Noch funktioniere das Gesundheitssystem, aber auf Kosten persönlicher Opfer von Ärzten und Gesundheitspersonal, sagt auch der aktuelle Präsident der Generalitat Carles Puigdemont. Er will trotz der Attentate das Referendum über eine Loslösung Kataloniens vom spanischen Zentralstaat am 1. Oktober durchführen lassen.

Die „chronische Unterfinanzierung“ des Gesundheitswesens setzt Puigdemont in seiner Werbekampagne für ein Ja zur Unabhängigkeit ein. In einem „normalen Land“ könne so etwas nicht passieren, sagte er vor kurzem. Immer vorausgesetzt, dieses Land verfüge über die gesetzlichen Instrumente und finanziellen Ressourcen, um die Nachhaltigkeit des Systems zu garantieren.

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