Ärzte Zeitung, 21.08.2017
 

Gut gerüstet

Ärzte in Barcelona haben schnell reagiert

Ärzte – vor allem Chirurgen – und Pflegefachkräfte in Barcelona und Tarragona standen nach den Terroranschlägen sofort parat. Zwölf Menschen kämpfen jedoch noch immer um ihr Leben.

Von Anno Fricke

Ärzte in Barcelona haben schnell reagiert

Versuche das Unfassbare zu verstehen: Am Wochenende nach der Terror-Attacke versammelten sich immer wieder trauernde Menschen auf der Las Ramblas in Barcelona.

© Emilio Morenatti / ap /dpa

BARCELONA. Zwölf Menschen ringen in den Krankenhäusern Barcelonas und Tarragonas noch mit dem Tod. Neun der 14 Todesopfer des Attentats auf die Touristenmeile der katalanischen Metropole, Las Ramblas, und von Cambrils sind identifiziert. Stand Sonntagnachmittag gibt es keine Todesopfer aus Deutschland. 13 Menschen aus Deutschland wurden jedoch verletzt. Bei den bislang identifizierten Toten in Barcelona handelt es sich um vier Spanier, zwei Portugiesen, einen Italiener und einen US-Amerikaner. Zudem starb eine Spanierin bei dem Anschlag in Cambrils.

Eine von den spanischen Behörden als dschihadistisch eingestufte Gruppe junger Männer war am Donnerstagnachmittag mit einem Lieferwagen durch die stark belebte Einkaufsstraße in Barcelona gefahren – in der Absicht möglichst viele Menschen zu töten. Wenige Stunden später schlugen sie, von Ermittlern in die Enge getrieben, auch in Cambrils bei Tarragona südlich von Barcelona zu.

Auch psychologische Betreuung nötig

Die Krankenhäuser in Barcelona und Tarragona meldeten am Sonntag, dass bis zum Vormittag von den mehr als 130 Verletzten 79 nach ärztlicher Behandlung entlassen werden konnten. 53 befanden sich noch in den insgesamt elf Krankenhäusern der beiden Städte. Außer den lebensgefährlich Verletzten gibt es 24 Schwerverletzte, 13 weniger schwer Verletzte und vier Leichtverletzte. Dazu kommen Menschen, die wegen ihrer Erlebnisse während der Attentate in psychologischer Behandlung sind, meldete der katalanische Zivilschutz (protección civil) am Sonntagmittag.

Die katalanische Hauptstadt war vorbereitet, als die Attentäter am Donnerstagnachmittag zuschlugen. "Als wir die Meldungen von einem möglichen Attentat erfahren haben, haben wir sofort den Notfallplan für zahlreiche Verletzte mit Polytraumata aktiviert", sagte der Sprecher des größten Krankenhauses in Barcelona Vall d‘Hebron, David Collantes, am Wochenende der "Ärzte Zeitung". Sofort seien alle verfügbaren Chirurgen, die nicht im Dienst waren, zurückgerufen worden, ebenso Anästhesisten und spezialisierte Pflegefachkräfte. Gleichzeitig aktivierte die Stadtverwaltung ein Notfallprotokoll, das Rettungswagen freie Fahrt zu den Kliniken garantieren soll. Insgesamt wurden die Verletzten in 15 Kliniken und Arztzentren gebracht. Collantes beschreibt die Atmosphäre nach dem Eintreffen der ersten Verletzten als "professionell und der Situation angemessen". Es habe weder an Personal noch an Material gefehlt, sagte der Krankenhaussprecher.

Die Ärzte in Spanien sahen Verletzungen wie ihre deutschen Kollegen nach dem Attentat auf die Besucher des Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz im Dezember 2016. Schwere Verletzungen der inneren Organe aufgrund des Überrollens dominieren bei den Patienten in kritischem Zustand.

Trauer und Mitgefühl sind groß, viele Menschen möchten helfen. Die Zahl der Blutspenden in Katalonien habe sich auf einen Schlag um den Faktor fünf vervielfacht, berichtete der katalanische Gesundheitsminister Antoní Comín. Allein im zweitgrößten Krankenhaus der Stadt, Clínic, wurden am Freitag 300 Blutspender registriert, darunter auch viele Touristen. Da die Kapazitäten für den Andrang nicht ausreichten, bat Comín weitere potenzielle Spender , sich erst ab Montag wieder vorzustellen.

Die Leichen der Todesopfer befinden sich im rechtsmedizinischen Institut der Stadt Barcelona. Unter Aufsicht eines Richters versuchen Forensiker, die Opfer zu identifizieren, melden Quellen der Justizbehörden. Sobald die Identität eines der Getöteten bekannt ist, informieren sie die Angehörigen und bei Ausländern die zuständigen Konsulate.Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau begrüßte in einer ersten Stellungnahme die schnelle Reaktion von Polizei und Rettungskräften unmittelbar nach dem Anschlag am Donnerstagnachmittag auf der Einkaufsstraße Les Rambles. Unmittelbar nach der Attacke sei der Kommunale Notfallplan in Kraft gesetzt worden.

Alle Notfallkräfte seien aktiviert worden, ein speziell für diese Fälle eingerichtetes Schaltzentrum habe die Notrufe und Hilfeleistungen koordiniert. Darüber hinaus wurden für die Notfallseelsorge Psychologen, Sozialarbeiter und Techniker des Notfallzentrums (CUESB) an den Ort des Anschlags gebracht, die die Überlebenden und Angehörigen versorgten. Bis Freitagnachmittag wurden knapp 100 Menschen psychologisch betreut. Mehr als 30 Menschen übernachteten auch in der Obhut der Helfer im CUESB-Notfallzentrum. Eine nicht näher bezifferte Zahl von Betroffenen sei wegen seelischer Traumata in Kliniken gebracht worden, hieß es am Freitagnachmittag.

Bei aller Sorge um die Verletzten wurde auch Kritik laut, dass Barcelona nach ähnlichen Angriffen in anderen europäischen Städten den öffentlichen Raum besser hätte schützen können. Denn bereits nach den LKW-Anschlägen in Nizza im Juli 2016 und auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche im Dezember 2016 hatte das spanische Innenministerium in Madrid das Aufstellen von Pollern an stark besuchten Orten der Innenstädte in Spanien empfohlen.

Auch die Bürgermeisterin Barcelonas Ada Colau habe sich bereits in diese Richtung geäußert. Das berichten die konservative spanische Tageszeitung El Mundo und der staatliche Sender Radio Nacional de Espana am Freitag. Der Innenminister der spanischen Autonomieregion Katalonien reagierte am Tag nach den Attentaten auf die Kritik und wiederholte, dass es "unmöglich" sei, alle Punkte der Stadt mit Pollern zu sichern. Das verhindere nicht, dass Terroristen dann woanders zuschlügen.Die Unzufriedenheit der Menschen ist dennoch spürbar. Die Ladenbesitzer entlang der Rambla beschwerten sich über die Untätigkeit der Behörden. Sie hätten bereits vor geraumer Zeit darum gebeten, die rund 1,2 Kilometer lange Straße abzusichern.

Trotz der Trauer sei in großen Teilen der Stadt jedoch das Leben "mit seinem ganz normalen Lauf" weitergegangen, schilderte der Deutsche Moritz Gause, der sich aktuell in Barcelona aufhält, der "Ärzte Zeitung". Auch Busse und Bahnen, deren Betrieb vorübergehend eingestellt worden war, fuhren wieder.

Katalanisches Gesundheitssystem in Not

Die aktuelle Herausforderung trifft das katalanische Gesundheitssystem in schweren Zeiten. Die Gesundheitssysteme in den spanischen Autonomiegebieten hängen zwar zum Teil am Tropf der spanischen Zentralregierung in Madrid, unterscheiden sich jedoch untereinander. Dem staatlichen Gesundheitswesen Kataloniens stehen als Folge der Finanzkrise nur noch rund 8,4 Milliarden Euro zur Versorgung der 7,5 Millionen Einwohner zur Verfügung – das sind etwa 1,5 Milliarden Euro weniger als noch 2010.

Die Knappheit hat Folgen, es wird priorisiert: Rund 160.000 Menschen warten auf geplante Operationen, mehr als 100.000 gar auf dringend benötigte Diagnosen. Schwere Erkrankungen wie Krebs werden laut Aussagen des Ex-Präsidenten der katalanischen Ärztekammer Miquell Vilardell jedoch nicht auf die Warteliste gesetzt. Anders als in Deutschland werden in Katalonien nur in einigen wenigen Krankenhäusern sowohl Kassen- als auch Privatpatienten behandelt.

Noch funktioniere das Gesundheitssystem, aber auf Kosten persönlicher Opfer von Ärzten und Gesundheitspersonal, sagt auch der aktuelle Präsident der Generalitat Carles Puigdemont. Er will trotz der Attentate das Referendum über eine Loslösung Kataloniens vom spanischen Zentralstaat am 1. Oktober durchführen lassen. Die "chronische Unterfinanzierung" des Gesundheitswesens setzt Puigdemont in seiner Werbekampagne für ein Ja zur Unabhängigkeit ein. In einem "normalen Land" könne so etwas nicht passieren, sagte er vor kurzem. Immer vorausgesetzt, dieses Land verfüge über die gesetzlichen Instrumente und finanziellen Ressourcen, um die Nachhaltigkeit des Systems zu garantieren.

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