Ärzte Zeitung online, 29.11.2017
 

Zi-Studie zu Notaufnahmen

Je weniger Patienten desto höher das Risiko

In deutschen Notaufnahmen werden im Schnitt 1,7 Patienten pro Stunde versorgt. Im Sinne der Patientensicherheit wäre hier eine Konzentration der Ambulanzen sinnvoll, so das Ergebnis einer aktuellen Zi-Studie.

Von Rebekka Höhl

Je weniger Patienten desto höher das Risiko

In Deutschland behandeln nur 30 Prozent der Notaufnahmen mehr als zwei Patienten pro Stunde, so ein Ergebnis der aktuellen Zi-Studie.

© Sebastian Kahnert / dpa

BERLIN. 1,7 Patienten versorgen deutsche Notfallambulanzen im Schnitt pro Stunde. Das entspricht einer durchschnittlichen Inanspruchnahme von rund 14.900 Patienten je Notaufnahme und Jahr. Und es liege deutlich unter dem Schnitt anderer europäischer Länder: In Großbritannien würden etwa elf und in Dänemark zehn Patienten pro Stunde in den Kliniknotaufnahmen behandelt. Zu diesem Ergebnis kommt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) in seiner aktuellen Studie zur Auslastung der Kliniknotaufnahmen.

Dabei gehen die Wissenschaftler noch weiter: "Gemessen an Referenzwerten aus internationalen Studien, behandeln die meisten Notaufnahmen im Schnitt so wenige Patienten, dass hierdurch erhöhte Risiken für Patienten bestehen", sagt Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik von Stillfried.

Daten aus 13 KVen ausgewertet

Das Zi hat sich für seine Analyse verschiedener Daten bedient: Für die Auslastung der Kliniken wurden die Abrechnungsdaten aus 13 KVen zur ambulanten Inanspruchnahme aus 2480 Notaufnahmen ausgewertet. Für die Frage der Patientensicherheit wurden hingegen diverse Statistiken und Studiendaten analysiert. In Sachen Auslastung haben die Wissenschaftler allerdings mangels verlässlicher Datenquellen für die Gesamtzahl der behandelten Patienten je Notaufnahme die ambulante Auslastung pauschal verdoppelt.

Laut der Zi-Studie liegt die relative Überlebenswahrscheinlichkeit in größeren Notaufnahmen, die eine durchschnittliche Auslastung von mehr als 2,3 Patienten pro Stunde bzw. von mehr als 20.000 Patienten pro Jahr haben je nach Indikation um 30 bis 50 Prozent höher als in kleineren Häusern. Das Zi hat hierzu die typischen Notfallindikationen wie etwa akuter Herzinfarkt, Schlaganfall oder auch Lungenentzündung ausgewertet.

Überlastung nicht vorhanden?

"In Deutschland behandeln nur 30 Prozent der Notaufnahmen mehr als zwei Patienten pro Stunde", erklärt von Stillfried. Nur etwa ein Fünftel der Notaufnahmen würde regelhaft eine Auslastung von mehr als fünf Patienten pro Stunde erreichen. Die Wissenschaftler des Zi fordern daher einen deutlichen Konzentrationsprozess in der Notfallversorgung. In nur jeder zehnten Gemeinde sei ein Konzentrationsprozess nicht möglich, weil dort dann das Ziel, die nächste Klinik innerhalb von einer maximalen PKW-Fahrtzeit von 30 Minuten zu erreichen, nicht mehr gegeben sei.

Aber auch in Sachen ambulante Fälle versucht die Studie, etwas Feuer aus den derzeitigen Diskussionen um die Notfallversorgung zu nehmen: Im Schnitt behandeln die Notaufnahmen demnach nur 0,84 ambulante Patienten pro Stunde. Ein Viertel aller Notaufnahmen versorge sogar nur alle zwei bis drei Stunden einen ambulanten Patienten.

Eine Steilvorlage für die KBV und ihr Konzept "KBV 2020" mit dem sie die ärztlichen Bereitschaftspraxen besser mit den Kliniken verzahnen und wieder in den Vordergrund rücken will. "Die Behauptung, alle Notaufnahmen seien überfüllt, wird eindeutig widerlegt", kommentierte denn auch KBV-Chef Dr. Andreas Gassen das Ergebnis. "Wenn im Durchschnitt 1,7 Patienten pro Stunde in der Notaufnahme eines Krankenhauses behandelt werden, so muss die Frage erlaubt sein, ob hier nicht Synergien genutzt werden können." Dabei gehe es der KBV aber nicht um "echte Notfälle", die natürlich in die Notaufnahme gehörten, sondern die Fälle, die eigentlich in den Bereitschaftsdienst gehören.

Als befremdlich bezeichnete der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, die Meldung, dass Patienten aufgrund geringer Behandlungszahlen gefährdet seien. Es gehe in der Notfallversorgung um Millionen Patienten pro Jahr, die von den multiprofessionellen Teams der Krankenhäuser und deren medizinisch-technischer Ausstattung profitierten. "Mit ihrer aus dem Amerikanischen abgeleiteten These, dass ambulant die Krankenhäuser aufsuchende Patienten dort wegen möglicherweise zu geringer Behandlungszahlen gefährdet sein könnten, schießt die KBV in Hinblick auf die Bewertung der Leistungsfähigkeit der Notfallpraxen der niedergelassenen Ärzte ein Eigentor. Irritiert zurück bleiben die Patienten, die angesichts solcher Ansagen aus der ärztlichen Standesvertretung tatsächlich besorgt sein könnten, in der niedergelassenen Notfallpraxis den falschen Arzt und unzureichende medizintechnische Ausstattung anzutreffen."

Mit der Konzentration – das stellt das Zi klar – muss aber auch eine bessere technische und personelle Ausstattung der übrig bleibenden Ambulanzen einhergehen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Notfallambulanz ein Risiko?

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