Ärzte Zeitung online, 11.04.2018

Saarland

Chirurgen sollen Terroropfer besser versorgen

Das Saarland hat als erstes Bundesland mit der flächendeckenden Schulung von Chirurgen begonnen. Die Mediziner lernen auch, die Patientenversorgung bei Terroranschlägen zu managen.

Von Andreas Kindel

Chirurgen sollen Terroropfer besser versorgen

Spielsteine, Ereigniskarten, Lebenspunkte: Die Chirurgen üben bei einem Planspiel die Patientenversorgung.

© Andreas Kindel

HOMBURG/SAAR. Das Saarland hat als erstes Bundesland damit begonnen, Chirurgen flächendeckend in der Versorgung von Terroropfern zu schulen. Seit Dienstag läuft an der Homburger Uniklinik der erste Kurs für mehr als zwei Dutzend Mediziner. Ihr Thema: Was tun bei einem Terror-Anschlag mit Toten und Verletzten?

Das Besondere an dem neuen Konzept: Den Ärzten werden sowohl chirurgische Fähigkeiten vermittelt als auch Kenntnisse, wie die Patientenversorgung im Terrorfall im Krankenhaus zu managen ist. Mit im Boot bei dem Vorhaben sind der Sanitätsdienst der Bundeswehr und die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Für die DGU ist es ein Pilotprojekt, um zu evaluieren, ob diese Schulungen auch Vorbild für andere Bundesländer sein können.

"Der jüngste Anschlag in Münster hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir so etwas durchführen", erklärte der saarländische Gesundheitsstaatssektretär Stephan Kolling (CDU). "Wir müssen unsere Ärzte für solch einen Fall fit machen". Beim ersten Kurs sind jetzt Chirurgen aus vier saarländischen Krankenhäusern dabei – unter anderem aus dem Klinikum Saarbrücken und der Uniklinik Homburg. Weitere Kurse sind in Planung. Das Land stellt 100.000 Euro dafür bereit.

Verteilung auf viele Kliniken

Ziel der Landesregierung ist es, die Ärzte aus den meisten der 22 saarländischen Akutkrankenhäuser so zu schulen, dass sie sich optimal um Terroropfer kümmern können. Beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, so Kolling, habe man gesehen, wie wichtig möglichst viele Kapazitäten seien. Damals wurden die etwas 100 Verletzten auf über 20 Krankenhäuser verteilt. Schon seit Anfang 2017 gibt es im Saarland eine Task Force "Terrorassoziierte Sonderlagen", an der neben Behörden und Organisationen auch Mediziner beteiligt sind. Erst kürzlich ist im Saarland eine "Krankenhaus-Alarmplanverordnung" in Kraft getreten, die verbindliche Handlungsanweisungen für sogenannte "Großschadenslagen" enthält.

Zum Auftakt der Schulung in Homburg saßen die Chirurgen erst einmal in einem Planspiel mit Spielsteinen, Ereigniskarten und "Lebenspunkten". Sie sollten die Versorgung der Patienten bei einem fiktiven Terroranschlag in einer deutschen Innenstadt mit Toten und Verletzten managen. "Bei Terror-Anschlägen haben wir eine völlig neue Situation", erläuterte der Oberstarzt Professor Dr. Benedikt Friemert vom Bundeswehr-Krankenhaus Ulm. "Ganz viele Patienten kommen dann ganz schnell in die Klinik". Für das Krankenhaus bleibe kaum Vorbereitungszeit. Die ersten Patienten seien oft schon zehn Minuten nach dem Anschlag da.

Eine weitere Besonderheit: "Viele Patienten werden in solchen Fällen von Laien ins Krankenhaus gebracht", berichtete Friemert, der auch schon bei Auslandseinsätzen in Kundus und Mazar-e Scharif in Afghanistan gearbeitet hat. Laien suchten aber meist das nächste und nicht das am besten geeignete Krankenhaus auf. Da könne es auch schon mal passieren, dass Explosionsopfer plötzlich in einer onkologischen Spezialklinik ankommen und dort behandelt werden müssen.

Schwierige Entscheidungen

Die Ärzte bekommen dabei Verletzungen zu sehen, die sie aus ihrem Alltag kaum kennen. "Die Verletzungsschwere ist für uns neu", berichtete der Direktor der Uni-Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Homburg, Professor Dr. Tim Pohlemann. "Es werden zunehmend Kriegswaffen eingesetzt", so Pohlemann. Und angesichts von "Kriegsverletzungen" sei es um so wichtiger, dass die Patienten von speziell geschulten Chirurgen behandelt werden. Die Teilnehmer lernen auch Entscheidungen zu treffen, denen man lieber aus dem Weg geht: Welcher Patient muss als Erster behandelt werden? Muss bei dem einen Patienten die Hand unbedingt gerettet werden, wenn bei einem anderen Patienten das Leben auf dem Spiel steht?"Auch damit", so Bundeswehr-Arzt Friemert, "müssen sich die Teilnehmer bei uns in Homburg auseinandersetzen".

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