Ärzte Zeitung online, 02.07.2018

Sachverständigenrat

Notfallversorgung soll über "Integrierte Notfallzentren" laufen

Jetzt entbrennt die Debatte um die Reform der Notfallversorgung. Die Gesundheitsweisen haben ein wegweisendes Projekt vorgestellt. Ärzte zeigen sich skeptisch.

Von Anno Fricke

Notfallversorgung künftig über "Integrierte Notfallzentren"

Könnten bald Geschichte sein: Die Notaufnahme in Kliniken und der ärztliche Bereitschaftsdienst. Geht es nach dem Sachverständigenrat, sollten beide zusammengelegt werden.

© Holger Hollemann / dpa / picture alliance

BERLIN. Die Notfallversorgung in Deutschland steht vor einer Zäsur. Voraussichtlich schon in der laufenden Legislaturperiode könnten der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst und die Notfallambulanzen der Krankenhäuser plus Rettungsdienst in "Integrierten Notfallzentren" zusammengelegt werden, in die Integrierte Leitstellen Patienten steuern.

"Die Politik signalisiert, dass das schnell gehen kann", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Professor Ferdinand Gerlach, am Montag in Berlin.

Gerlach stellte gemeinsam mit seinen Ratskollegen das Gutachten "Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung" vor.

Sowohl die Länder als auch das Bundesgesundheitsministerium räumten dem Projekt hohe Priorität ein, sagte Gerlach. "Gerade die Notfallversorgung müssen wir auf neue Füße stellen", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag bei der Übergabe des Gutachtens.

Niedergelassene und Klinikärzte unter einem Dach

"Pilot- und Eisbrecherprojekt" für die sektorenübergreifende Versorgung soll laut Gerlach die Reform der Notfallversorgung werden.

Erstmals sollen niedergelassene Ärzte und Klinikärzte unter einem Dach zusammenarbeiten, mit einer einheitlichen Vergütung und unter den Vorgaben einer einheitlichen Bedarfsplanung und Qualitätssicherung, dazu mit einer gemeinsam digital abgestimmten Dokumentation, lautet die Vision der Gutachter.

Damit soll auf die derzeit weitgehend ungesteuerte Inanspruchnahme der Notfallambulanzen der Kliniken durch die Patienten reagiert werden.

Rund 19 Millionen Notfallbehandlungsfälle gibt es im Jahr. Inzwischen werden bereits mehr dieser Fälle (rund 53 Prozent) im Krankenhaus versorgt als in den Bereitschaftsdienstpraxen der Vertragsärzte.

In Zukunft sollen bereits am Telefon in der Leitstelle durch medizinisch geschultes Personal 20 bis 30 Prozent der potenziellen Patienten zum Hausarzt vermittelt oder auf Hausmittel verwiesen werden.

Dieses Potenzial ergebe sich aus Analysen des dänischen Notfallsystems, das Pate für die Vorschläge des Rats gestanden habe, sagte Gerlach.

Reaktionen auf die Vorschläge

Die Vorschläge der Gesundheitsweisen blieben am Montag nicht unwidersprochen. Vor allem der, dass der zentrale Tresen zur ersten Begutachtung der Patienten unabhängig von Krankenhausinteressen nur von Vertragsärzten betrieben werden solle.

Dagegen wendet sich die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

"Diese Zentren könnten nicht unter Leitung der KVen stehen", warnte Notaufnahmeexperte Professor André Gries. Bei Bedarf müsse ein in Notfallmedizin geschulter Facharzt vor Ort sein.

Vor allem in weniger dicht besiedelten Regionen könnten Integrierte Zentren zur Versorgungssicherheit beitragen, hieß es bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Alle Kliniken, die die Voraussetzungen erfüllten, müssten ambulante Notfallleistungen erbringen können.

Das Konzept des SVR zielt aber eher auf einen Abbau stationärer Kapazitäten und strenge Qualitätsvorgaben.

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