Ärzte Zeitung online, 02.08.2019

Allgemeinmedizinische Praxis am Campus

Notfallaufnahme entlastet, aber bis jetzt zu wenige Patienten

Die Allgemeinmedizinische Praxis am Campus (APC) wurde vor knapp fünf Monaten in Mainz auf dem Gelände der Uniklinik eröffnet. Ziel der APC ist, die Notaufnahme zu entlasten. Funktioniert das?

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Alexandra Pietsch (vorne im Bild) und Britta Walther, MFA an der APC, brüten über das EKG eines Patienten.

© Anke Thomas

MAINZ. Es ist Dienstag, der 30. Juli, kurz nach 15 Uhr und ein junger, etwa zwanzig Jahre alter Mann betritt die APC – der 1340zigste APC-Patient seit der Eröffnung am 18 März. Noch während er seine Ohrstöpsel rauszieht, erklärt er der MFA am Empfang er leide unter mehreren Symptomen: Brechreiz, Übelkeit, mal weniger, mal stärkere Bauchschmerzen. Das gehe jetzt schon seit Monaten so. Er fühle sich schwach, die letzten Tage habe er gerade mal tausend Kalorien zu sich genommen. Nachdem er einen Anamnesebogen ausgefüllt hat, wird sein Blutdruck, die Sauerstoffsättigung sowie seine Temperatur gemessen.

Britta Walther, MFA mit jahrzehntelanger Erfahrung als Praxismanagerin in einer großen Praxis und auch Tätigkeit in der Notfallambulanz der HSK Kliniken in Wiesbaden beginnt mit der Befragung des jungen Mannes.

Wie lange hat er schon die Bauchschmerzen? Auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark sind sie? Sind sie an einer besonderen Stelle? Ja, zeigt der Patient, auf der rechten Seite. Ist der Blinddarm noch da? Ja. Wann waren die Bauchschmerzen zuletzt spürbar?

Angst vor Krebserkrankung

Dann platzt der junge Mann plötzlich heraus: „Eins muss ich Ihnen noch sagen.“ Seine Stimme wird klarer und er wirkt wacher: In meiner Familie sind mehrere Personen an Krebs erkrankt. Der Onkel und ein Cousin sind bereits gestorben. Wissen Sie welcher Krebs das war?, fragt Walther. Beim Onkel weiß er es nicht, beim Cousin war es Magen-Darm-Krebs, sagt er.

Da haben Sie jetzt Angst, dass es auch bei Ihnen Krebs sein könnte, meint Walther und sagt einfühlsam: Das kann ich verstehen. Der junge Mann nickt und wirkt erleichtert, dass seine für ihn so wichtige Botschaft angekommen ist. Nach der Befragung übernimmt Stephan Belzer, Facharzt für Allgemeinmedizin und stellvertretender Leiter der APC den Patienten.

Er nimmt sich Zeit für den jungen Mann und macht auch einen Ultraschall. Nach etwa einer Stunde kann der Patient beruhigt wieder nach Hause gehen. Im Normalfall hätte er wohl die Notfallaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht.

Samstags mehr Patienten

Das Patientenaufkommen schwankt deutlich, sagt Belzer der „Ärzte Zeitung“. Am vergangenen Samstag beispielsweise seien rund 30 Patienten versorgt worden. Auch früh morgens und in den Abendstunden gebe es mehr Kranke, die die APC aufsuchten.

Die Patienten, die kommen, sind häufig solche, die keinen Hausarzt haben oder deren Hausarzt in Urlaub ist. Auch Obdachlose oder Flüchtlinge kommen in die APC, so Belzer weiter.

Allerdings geht es lediglich um eine Akutabklärung und -behandlung. Zwar seien es noch wenige Patienten, meint Belzer, die Zahlen würden aber stetig steigen. Die Ambulanzen der anderen Unikliniken (Augen, HNO, Derma etc.) wüssten häufig noch nicht, dass die APC zur Verfügung stehe. „Deshalb haben wir jetzt einen Flyer entwickelt, um alle anderen Ambulanzen auf uns aufmerksam zu machen“, so Belzer.

Stephan Belzer, der zuvor in einer größeren Praxis gearbeitet hat, empfindet das Arbeiten in der APC als „paradiesisch“: Es steht viel Zeit für Patienten zur Verfügung und die Gespräche mit den spezialisierten Fachkollegen sind lehrreich. Auch die Rückmeldungen der Fachärzte, die das breite Fachwissen der APC-Allgemeinärzte sehr zu schätzen wissen, hätten ihn sehr gefreut.

Die Diagnostik beschränkt sich auf einige Blutwerte (Blutbild, Entzündungs- oder Nierenwerte, Troponin-Test). Außerdem stehen ein EKG und ein Bauchultraschallgerät zur Verfügung. Zur Triage wird das IT-gestützte SmED (Strukturiertes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland) eingesetzt. Dennoch: Ohne erfahrene MFA geht es nicht.

Das Programm kommt nur zur Unterstützung zum Einsatz, das APC-Team gibt kontinuierlich an das SmED-Unternehmen Rückmeldung, wenn etwas optimiert, eindeutiger oder falsch ist oder Dinge schlichtweg fehlen. Wird ein APC-Patient nach der dortigen Ersteinschätzung doch an die Notfallaufnahme weitergeleitet, findet dort erneut eine Triage statt – und zwar nach dem Manchester-Verfahren.

„Jeden Patienten, den wir hier in der APC versorgen und nach Hause schicken können“, sagt Belzer, entlastet die Ärzte der um die Ecke gelegenen, konservativen Notaufnahme jeweils um etwa eine halbe Stunde. Aus Belzers Sicht geht die APC in die richtige Richtung und sorgt für die seit Jahrzehnten gewünschte Zusammenarbeit über die Sektoren hinweg.

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[02.08.2019, 13:05:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Klassische Fehl-Allokation!
Ein Patient, der seit Monaten unter mehreren Symptomen wie Brechreiz, Übelkeit, mal wenigeren, mal stärkeren Bauchschmerzen leidet, ist kein Notfall-Patient und damit in einer Notfall-Sprechstunde fehl am Platz.

Wer an einem Dienstag, den 30. Juli, kurz nach 15 Uhr nicht in der Lage ist, eine hausärztliche Praxis aufzusuchen, sollte weder die Notfallaufnahme eines Krankenhauses blockieren, noch eine Stunde lang die Allgemeinmedizinische Praxis am Campus (APC) der Uniklinik Mainz mit Beschlag belegen.

Und wer erst beim Betreten der Arztpraxis seine Ohrstöpsel rauszieht, um überhaupt kommunizieren zu können, bzw. sich nicht mal die Mühe macht, telefonisch einen Termin auszumachen, erinnert mich mehr an ein äußerst schlecht erzogenes Einzelkind.

Doch der Lernerfolg gibt ihm Recht: Alles ist konzentriert auf ihn persönlich, seine (fehlgeleitenden?) Erwartungen und seine narzisstisch überhöhte Krebs-Phobie. Er fühle sich schwach, die letzten Tage habe er gerade mal tausend Kalorien (!?) zu sich genommen. Nachdem er einen Anamnesebogen ausgefüllt hat, wird sein Blutdruck, die Sauerstoffsättigung sowie seine Temperatur gemessen (Atemfrequenz, BMI?). Die Befragung des jungen etwa 20-jährigen Mannes: "Wie lange hat er schon die Bauchschmerzen? Auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark sind sie? Sind sie an einer besonderen Stelle? Ja, zeigt der Patient, auf der rechten Seite. Ist der Blinddarm noch da? Ja. Wann waren die Bauchschmerzen zuletzt spürbar? Angst vor Krebserkrankung Dann platzt der junge Mann plötzlich heraus: „Eins muss ich Ihnen noch sagen.“ Seine Stimme wird klarer und er wirkt wacher: In meiner Familie sind mehrere Personen an Krebs erkrankt. Der Onkel und ein Cousin sind bereits gestorben. Wissen Sie welcher Krebs das war?... Beim Onkel weiß er es nicht, beim Cousin war es Magen-Darm-Krebs, sagt er" (Zitat Ende).
Nach weiterführenden Untersuchungen und Ultraschall des Abdomens kann er nach etwa einer Stunde als gesunder Patient beruhigt wieder nach Hause gehen.

Und ich bin ziemlich sicher, dass er in seinem Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis herumerzählt, dass man weder einen Hausarzt, noch Terminvereinbarungen oder Konzentration auf die eigenen persönlichen Krankheitsfragen braucht, um umfassend untersucht, beraten und ggf. therapiert zu werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



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