Ärzte Zeitung online, 25.09.2018

Sepsis

"Häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Rund jeder vierte dieser Todesfälle wäre vermeidbar. Ärzte, Patientenschützer und Politiker fordern jetzt: Die Blutvergiftung muss als Notfall akzeptiert werden.

Von Anno Fricke

"Häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Die Zahl der Sepsis-Fälle in Deutschland liegt höher als bisher angenommen - Schätzungen zufolge bei rund 350.000 in diesem Jahr.

© Zerbor / fotolia.com

BERLIN. Der Patient fühlt sich krank, ist verwirrt, müde. Er leidet unter Atemnot, der Puls rast, Arme und Beine sind kalt und marmoriert, der Blutdruck sinkt. Fieber und Schüttelfrost treten auf. Das Symptombild ist unspezifisch.

Spezialisten raten dazu, in solchen Fällen auch abzuklären, ob eine Sepsis vorliegen könnte. Auslöser sind meist Infektionen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen oder aber Verletzungen. Kommt es zum septischen Schock, sinken die Überlebenschancen rapide.

Durch Hygiene-Regimes, schnelle Diagnose und leitliniengerechte Behandlung und Vorsorge ließen sich viele Komplikationen vermeiden, sagen Experten. 70 Prozent der Betroffenen bringen die Sepsis von außen mit ins Krankenhaus.

Aber auch die Kliniken haben einen vermeidbaren Anteil am Auftreten von Sepsen. So werde die Hälfte aller Patienten, denen die Milz entfernt wurde, nicht gegen Pneumokokken geimpft. Oft seien die Wege zwischen Krankenhaus und Speziallabor zu weit.

Eine flächendeckende Verfügbarkeit schneller und moderner mikrobiologischer Diagnostik könne die Risiken deutlich senken helfen, lautet eine Kernforderung von Sepsis-Spezialisten. Zudem müssten Ärzte und Bevölkerung über die Gefahren und Symptome von Sepsen aufgeklärt werden.

Hohe Dunkelziffer

Die Sepsis wird deutlich unterschätzt. Ilona Köster-Steinebach, designierte hauptamtliche Geschäftsführerin des Aktionsbündnis Patientensicherheit, geht davon aus, dass die Zahl der Sepsis-Fälle in Deutschland höher liegt, als bisher angenommen.

Derzeit arbeitet die Statistik mit der Zahl von 280 000 im Jahr 2013 von den Krankenhäusern gemeldeten Sepsis-Fällen. Bei einer von Köster-Steinebach unterstellten Zunahme von 5,7 Prozent pro Jahr könnte dieser Wert im laufenden Jahr also rund 350.000 erreichen.

Und selbst diese Größenordnung beschreibt das Problem vielleicht nur unzureichend. Gemeldet würden nur die unter Sepsis kodierten Fälle, sagte Köster-Steinebach bei einem parlamentarischen Abend des Aktionsbündnisses, des "Sepsisdialogs Greifswald" und des Medizintechnikunternehmens Becton Dickinson in Berlin.

Untersuchungen der Universität Jena hätten jedoch ergeben, dass die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle um 50 Prozent höher liegen dürfte.

Zwischen 70.000 und 95.000 Tote jährlich

Demnach müsste auch die Zahl der Todesfälle aufgrund von "Blutvergiftung" nach oben korrigiert werden. Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an dieser Krankheit, insgesamt zwischen 70.000 und 95.000, mehr als durch Brust- und Prostatakrebs sowie HIV zusammen.

"Es handelt sich um die häufigste vermeidbare Todesursache im Land", sagte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Dr. Ralf Brauksiepe.

 Die Sepsis korreliere mit der demografischen Entwicklung. Ihre Prävalenz werde weiter ansteigen. Dass sich rund jeder vierte Todesfall aufgrund der Infektion als vermeidbar herausstelle, sei "nicht hinnehmbar".

Die Sepsis bedeute, dass der Körper aufgrund einer Infektion die Kontrolle über sich selbst verliere, sagte Dr. Matthias Gründling, Leiter des Sepsisdialogs Greifswald.

Qualitätsprogramm "sepsis-dialog"

In den vergangenen Jahren hat das Klinikum mit dem "sepsis-dialog" ein konsequentes Qualitätssicherungsprogramm durchgesetzt: Patienten würden systematisch auf Keime gescreent, sagte Gründling. Das Labor identifiziere die Auslöser binnen sechs Stunden.

Dies ermöglicht es, sehr rasch gezielt solche Antibiotika einzusetzen, die besonders geeignet sind. Zudem sei das Personal für diesen Notfall geschult. In Greifswald arbeite die einzige Sepsiskrankenschwester Deutschlands, sagte Gründling.

In der Folge stieg zwar erwartungsgemäß die Zahl der entdeckten Sepsisfälle an, aber es gelang auch, die Letalität während des Krankenhauses deutlich zu senken.

Sie lag mit 45 Prozent im Jahr 2014 noch auf dem im deutschen Durchschnitt üblichen Niveau, sank dann aber auf einen Wert von 31 Prozent im 2. Halbjahr 2016 (siehe nachfolgende Grafik). Relativ ist dies eine Senkung von rund einem Drittel.

Die Sepsis hat eine volkswirtschaftliche Dimension. Aufgrund der verlängerten Krankenhausaufenthalte mit hohem pflegerischen und intensivmedizinischem Aufwand fallen ausweislich von Berechnungen der Sepsis-Stiftung jährlich 7,7 Milliarden Euro im Gesundheitssystem an.

GBA plant Qualitätssicherung

Die Abteilungsleiterin Stationäre Versorgung bei der AOK Nordost Dr. Pia Petra Thul bezifferte die Kosten für den stationären Aufenthalt eines Versicherten auf 19.000 Euro. Um Leben zu retten, sollte die Sepsis als Indikator zur Beurteilung der Qualität eines Krankenhauses eingesetzt werden.

In diese Richtung zielt auch ein Vorstoß der Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), eine Qualitätssicherungsmaßnahme zur Verbesserung, Erkennung und Behandlung von Sepsis im Krankenhaus zu entwickeln. Allerdings stehen die Beratungen noch ganz am Anfang.

Bis ein entsprechender Beschluss des Bundesausschusses in der Praxis umgesetzt wird, können fünf Jahre vergehen.

Erst im Juni haben die Länder das Bundesgesundheitsministerium dazu aufgefordert, beim Robert Koch-Institut eine Expertengruppe einzusetzen.

Sie solle die Forderungen der Weltgesundheitsorganisation hinsichtlich einer Verbesserung der Prävention, Diagnostik und des klinischen Managements in Deutschland umsetzen.

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