Ärzte Zeitung online, 24.10.2017

Ärzte fordern

Bloss kein Sparkurs bei Transfusionsmedizin!

Alles im grünen Bereich in der deutschen Transfusionsmedizin? Experten warnen davor, die Hände in den Schoß zu legen.

Von Ilse Schlingensiepen

Bloss kein Sparkurs bei Transfusionsmedizin!

Erythrozyt in der Blutbahn: Zwei Ärzte sprechen sich gegen das Sparen in der Transplantationsmedizin aus.

© francis bonami / stock.adobe.com

KÖLN. Blutspenden und -transfusionen erfolgen in Deutschland im internationalen Vergleich auf einem Spitzenniveau. Das Risiko, sich durch eine Bluttransfusion mit HIV oder einem anderen Erreger zu infizieren, beträgt eins zu zehn Millionen, sagte Professor Lutz Gürtler, emeritierter Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universität Greifswald.

"Das bedeutet: Jedes zweite Jahr geht uns bei einer Blutkonserve ein HIV- oder HCV-Erreger durch", berichtete Gürtler anlässlich der 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) in Köln. Trotz sehr gut entwickelter Testmöglichkeiten sei kein absolutes Maß an Sicherheit möglich, sagte er.

"Wir müssen immer wieder darauf gefasst sein, dass neue Erreger kommen." Das deutsche System sei aber in der Lage, auf neue Situationen schnell zu reagieren. Es sei mit Kosten verbunden, diesen hohen Standard zu halten und weiterzuentwickeln, betonte Gürtler. "Man darf nicht sagen: Das Niveau ist so hoch, hier kann man sparen."

Das deutsche Blutspendesystem ist nach Angaben des DGTI-Vorsitzenden Professor Harald Klüter von der Universitätsklinik Heidelberg bereits sehr effizient. "Die Kosten für die Blutspende sind in Frankreich doppelt bis zweieinhalb Mal so hoch."

Biotechnische Blutspenden keine Alternative?

Das Verfahren der pathogenen Reduktion trage dazu bei, die Blutspende noch sicherer zu machen und erhöhe die Haltbarkeit von Blutplättchen. Nach zehn Jahren heftiger Diskussionen sei es endlich gelungen, für den mit dem Verfahren verbundenen Aufwand ein Entgelt zu vereinbaren, so Klüter.

Deutschland benötigt nach Angaben von Tagungspräsidentin Birgit Gasthof von der Uniklinik Köln 4,5 bis 5 Millionen Blutspenden im Jahr. Dafür sei man kontinuierlich auf eine ausreichende Zahl gesunder Spender angewiesen, eine biotechnische Herstellung sieht sie trotz aller Versuche nicht als Alternative. "Es ist aktuell nicht absehbar, dass es so etwas geben wird."

Das bundesweite Netzwerk an Blutspendediensten ist nach Überzeugung der Experten für Terroranschläge oder andere Katastrophen gerüstet. Solche Extremsituationen sollten aber nicht überbewertet werden, betonte der Anästhesist Professor Bernd Böttiger von der Uniklinik Köln. Viel größer seien die Herausforderungen durch Verkehrsunfälle und die mangelnde Kenntnis über Reanimation.

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