Ärzte Zeitung online, 22.11.2018

Öffentlicher Gesundheitsdienst

ÖGD-Ärzte gehen auf die Straße

In Dortmund demonstrieren Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes für ein Gehalt in Höhe ihrer Klinikkollegen.

KÖLN. Die Geduld der Ärzte und Ärztinnen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) ist am Ende. Der ÖGD steht vor dem Kollaps, warnen sie und wollen mit öffentlichen Aktionen die kommunalen Arbeitgeber dazu bringen, den Ärzten in den Gesundheitsämtern endlich genau so viel zu bezahlen wie ihren Kollegen in den Kliniken.

„Unsere Lage wird immer schwieriger“, sagt Dr. Anne Bunte, Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Die Gesundheitsämter hätten immer mehr Probleme, freie Stellen zu besetzen und die engagierten Kollegen zu halten.

Im Kölner Gesundheitsamt, das Bunte leitet, sei seit Jahren die Leitung des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes unbesetzt. Es gehe um eine anspruchsvolle und attraktive Tätigkeit. „Aber bei der Vergütung, die wir bieten können, lohnt es sich einfach nicht.“ Die Vergütungen im Öffentlichen Dienst liegen deutlich unter denen für Ärzte, die in Kliniken oder beim MDK arbeiten.

Bei Leitungsfunktionen beträgt die Differenz 30 Prozent. Bunte zitiert den Ausspruch eines Kollegen, der die Situation gut charakterisiert: „Die Arbeit beim ÖGD muss man sich leisten können.“ In einer Zeit, in der Ärzte überall händeringend gesucht werden, haben die Gesundheitsämter besonders schlechte Karten. Internisten, die von der Klinik in die Weiterbildung Allgemeinmedizin wechseln, winken in NRW jetzt bis zu 9000 Euro im Monat. „Wie soll der ÖGD da mithalten?“, fragt Bunte.

Wer ist in der Pflicht, den ÖDG zu stärken?

„Es ist für uns wichtig, Öffentlichkeit herzustellen“, betont sie. Am heutigen Freitag findet in Dortmund eine Demonstration vor dem Gesundheitsamt statt. In anderen Regionen gab es bereits ähnliche Aktionen. Für den 10. Dezember ist eine große Abschlusskundgebung vor dem Roten Rathaus in Berlin geplant.

Der Bundesverband der ÖGD-Ärzte hatte 2017 die Tarifgemeinschaft mit der Beamtenvertretung dbb gekündigt. Jetzt kann der MB ihre Interessen vertreten. Die kommunalen Arbeitgeber bleiben bislang aber hartleibig. „Unser Tarif muss auch für die ÖGD-Ärzte gelten“, fordert Dr. Hans-Albert Gehle, MB-Vorsitzender in NRW und Rheinland-Pfalz. „Mit den aktuellen Vergütungen hat der öffentliche Gesundheitsdienst keine Chance.“

Gehle sieht auch die Politik in der Pflicht. Zwar habe die Gesundheitsministerkonferenz wiederholt die Forderungen der Ärzte unterstützt. Auch viele Lokalpolitiker betonten die Bedeutung der Gesundheitsämter. Passiert sei bislang aber nichts. Der Grund: Jeder zeigt mit dem Finger auf die anderen.

Das aktuelle Dilemma betrifft nicht nur die ÖGD-Ärzte, sondern geht die gesamte Ärzteschaft etwas an, betont Gehle. „Für uns im Krankenhaus ist es wichtig, dass wir auf die Kollegen in den Gesundheitsämtern zurückgreifen können.“ Das betreffe etwa den Kampf gegen Infektionskrankheiten.

Ohne den Einsatz der ÖGD-Ärzte wäre es in diesem Frühjahr in Köln nicht gelungen, den heftigen Masernausbruch mit 139 Fällen so schnell zu stoppen, bestätigt Bunte. (iss)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gesundheitsämter bluten aus

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