Ärzte Zeitung online, 10.02.2011

BÄK gegen Widerspruchslösung bei Organspende

Eine Widerspruchsregelung bei der Organspende löst nach Ansicht der Bundesärztekammer (BÄK) nicht das Problem der vergleichsweise geringen Zahl an Spendern in Deutschland.

Von Thomas Hommel

BÄK gegen Widerspruchslösung bei Organspende

BÄK-Vize Dr. Frank Ulrich Montgomery.

© Müller-Stauffenberg / imago

BERLIN. Schon die Debatte über eine Widerspruchsregelung als möglicher Alternative zur sogenannten Zustimmungslösung würde in der Bevölkerung "große Unsicherheit" erzeugen und bewirken, "dass man sich mit dem Thema Organspende überhaupt nicht beschäftigt." Das sagte BÄK-Vize Dr. Frank Ulrich Montgomery am Donnerstag vor Journalisten in Berlin.

Zudem sei die Widerspruchslösung aus "ethisch-religiösen Gründen nicht durchsetzbar", auch wenn sie aus medizinischer Sicht der "Idealfall" wäre, um an dringend benötigte Organe zu kommen, betonte Montgomery.

Bei der Widerspruchsregelung - die etwa in Spanien oder Österreich gilt - hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, so dass Ärzte geeignete Organe zwecks Transplantation entnehmen können. Bei der in Deutschland geltenden erweiterten Zustimmungsregelgung muss der Verstorbene dagegen zu Lebzeiten seine Bereitschaft zur Organspende erklärt haben, beispielsweise auf einem Organspendeausweis.

Befürworter der Widerspruchsregelung wie etwa der Leiter des Deutschen Herzzentrums Professor Roland Hetzer führen als Argument ins Feld, dass Länder, in denen die Organspende nach entsprechend organisiert wird, mit deutlich höheren Spenderzahlen aufwarten können als Staaten, in denen nach der Zustimmungsregelung verfahren wird.

In der Regel wird in diesem Zusammenhang auf Spanien verwiesen. Dort werden im Jahr mehr als 34 Organe pro eine Million Einwohner gespendet - mehr als doppelt soviel wie in Deutschland und jedem anderen europäischen Land.

Ausschlaggebend für die hohe Anzahl der Organspenden in Spanien sei jedoch nicht die Widerspruchsregelung, sondern die Tatsache, dass in den dortigen Krankenhäusern Transplantationskoordinatoren zum Einsatz kämen, die den gesamten Prozess der Organspende begleiten würden, betonte der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Dr. Peter Liese.

"Sehr wichtig ist insbesondere, dass eine geschulte Kraft mit ausreichend Zeit das so sensible Gespräch mit den Angehörigen führt." Der operierende Krankenhausarzt sei damit häufig überfordert, betonte Liese.

BÄK-Vize Montgomery sprach sich in diesem Zusammenhang dafür aus, das Engagement eines Transplantationsbeauftragten gesetzlich vorzuschreiben. Voraussetzung sei allerdings, dass der Kreis der Kliniken, für die das gelte, "klar und sauber definiert wird".

Außerdem müsse den Häusern der Aufwand, der ihnen durch Koordination und Entnahme von spenderfähigen Organen entstehe, vergütet werden. "Es macht keinen Sinn, erst eine Pflicht einzuführen, und den Kliniken dann zu sagen, nun kommt mal klar damit."

Überlegungen aus den Reihen der Politik, junge Menschen im Rahmen der Führerscheinprüfung für das Thema Organspende zu sensibilisieren und ihnen mit der Fahrerlaubnis einen Spenderausweis auszuhändigen, nannten Liese wie Montgomery einen "wichtigen Schritt in die richtige Richtung". Sowohl Ärzteschaft als auch europäischer Parlament hätten seit Jahren gefordert, die Information über Organspendebereitschaft zu intensivieren. Jedem Bürger sei es zuzumuten, sich einmal im Leben ohne Zwang mit diesem Thema zu beschäftigen.

Denkbar sei auch, dass die Krankenkassen jeder "offiziellen Kommunikation mit ihren Versicherten" eine Information zum Thema Organspende oder aber einen Spenderausweis beifügten, so Montgomery. "Wenn man das mal machen würde, wäre das ein grandioser Akt". Die Ärztekammer Hamburg wolle demnächst allen Bewohnern der Stadt einen Organspendeausweis zur Verfügung stellen. Montgomery steht der Kammer als Präsident vor.

In Deutschland warten derzeit rund 12.000 Patienten auf ein geeignetes Spenderorgan. Täglich versterben drei von ihnen, da kein Spenderorgan für sie bereit gestellt werden kann.

[11.02.2011, 11:04:18]
Dr. Karl Breu 
Bundesärztekammer gegen Widerspruchslösung bei Organspende
Mit großer Mehrheit haben das Bayerische Ärzteparlament im November 2009 und die Delegierten des 113. Deutschen Ärztetages im Mai 2010 meinem Antrag zur „Optimierung der Organspende“ zugestimmt. Dabei sprachen sich die gewählten Vertreter der Deutschen Ärzteschaft nicht nur für eine Intensivierung der bereits eingeleiteten strukturellen, organisatorischen und finanziellen Maßnahmen, sondern forderten gleichzeitig eine zeitnahe neue Rechtsnorm im Sinne einer Widerspruchsregelung.
Durch dieses zweigleisige Vorgehen wurde Spanien innerhalb von 15 Jahren Spitzenreiter in Sachen Organspende, obwohl es zuvor europäisches Schlusslicht gewesen ist. Zur Zeit beträgt die Wartezeit für eine Nierentransplantation bei uns laut der Deutschen Stiftung Organspende über 5 Jahre, in Spanien dagegen unter 2 Jahren.
Obwohl der nationale Ethikrat bereits im Jahr 2007 die derzeit geltende gesetzliche Regelung zur Organspende, nämlich die erweiterte Zustimmungsregelung als Haupthemmnis ausmachte, wird das Votum der Deutschen Ärzteschaft aus Dresden vom Vorstand der Bundesärztekammer in seinen Veröffentlichungen zum Thema Organspende ignoriert, negiert und bagatellisiert.
Die Bundesärztekammer sollte als Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung die Beschlüsse des Deutschen Ärzteparlaments akzeptieren und aktiv unterstützen.
Für diejenigen, die auf ein Organ warten, ist die seit Jahren anhaltende Diskussion nicht zielführend.
Folgen wir doch den Erfahrungen von 17 europäischen Ländern mit Widerspruchsregelung, oder besser noch setzen wir den Beschluss der Deutschen Ärzteschaft um und gehen wir beide Wege gleichzeitig.

Dr. Karl Breu
Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Weilheim-Schongau
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