Ärzte Zeitung, 04.11.2011

Transplantation ist die Wiedergeburt

Soll jeder Deutsche mindestens einmal im Leben darüber entscheiden müssen, ob er Organe spenden möchte oder nicht? Ein großes Bündnis aus Transplantationsmedizinern, Politikern und auch Kirchenvertretern ist dafür.

Von Ilse Schlingensiepen

"Transplantation ist die Möglichkeit, wiedergeboren zu werden"

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland immer noch verhältnismäßig niedrig. Eine Entscheidungspflicht könnte die Zahlen eventuell erhöhen.

© dpa

KEVELAER. In der aktuellen Debatte über die Organspende wird ein Aspekt leicht übersehen: Die Angehörigen Sterbender, die potenzielle Organspender sind, sind bereits heute gezwungen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Darauf hat der Transplantationsmediziner Professor Eckhard Nagel bei der Auftaktveranstaltung des "Aktionsbündnis Organspende im Rheinland" aufmerksam gemacht. "Es gibt heute schon eine Entscheidungspflicht für eine kleine Gruppe, die unter der jetzigen gesetzlichen Regelung leidet", sagte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Essen.

Mitglied des Ethikrats ist für Entscheidungslösung

Der Zwang, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, treffe diese Menschen in einer Ausnahmesituation. "Ich glaube, dass der Gesetzgeber gut beraten ist, die Entscheidungspflicht auf jeden einzelnen zu übertragen."

Er halte es für ethisch verantwortbar, jeden zu dem Thema zu befragen, betonte Nagel, der Mitglied des deutschen Ethikrats ist. Er schilderte eindringlich das Potenzial der modernen Medizin für Menschen, die ein Spenderorgan benötigen.

Viele Betroffene erhielten auf diesem Weg die Chance, ihr Leben wieder normal zu gestalten und die Lebensqualität deutlich zu erhöhen. "Transplantation ist die Möglichkeit, tatsächlich wiedergeboren zu werden", sagte er.

Breitenwirksame Informationen über Organspende

Das "Aktionsbündnis Organspende im Rheinland" ist eine Initiative der AOK Rheinland/Hamburg und der Deutschen Stiftung Organtransplantation, unterstützt von den Bundesliga-Vereinen 1. FC Köln, Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach. Ziel ist die breitenwirksame Information über das Thema Organspende.

Das Aktionsbündnis sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagte Bundeskanzleramtsminister Roland Pofalla (CDU). Er begrüßte, dass für die gesetzliche Neuregelung der Organspende eine parteiübergreifende Lösung gesucht wird.

"Es ist eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn jenseits des Parteienstreits der Versuch unternommen wird, zu einer Lösung zu kommen, die mit dazu beiträgt, dass die Zahl der Organspenden substantiell steigen kann", sagte Pofalla.

Zustimmungslösung oder Erklärungslösung?

Die Erfahrung mit dem 1997 verabschiedeten Transplantationsgesetz habe gezeigt, dass die erweiterte Zustimmungslösung nicht ausreicht, um diesem Ziel näher zukommen, sagte der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag Frank-Walter Steinmeier.

Deshalb sei es notwendig, dass sich jeder einzelne zu seiner Spendebereitschaft äußert. "Es ist klar, dass damit nicht jeder zum Organspender wird", betonte er. Dennoch wird die Erklärungslösung seiner Einschätzung nach zu einer Erhöhung der Spenderzahlen führen.

Niemand wolle sich über die Bedenken der Menschen hinwegsetzen, sagte Steinmeier. Religiöse und ethische Gesichtspunkte könnten gegen Organspende und Transplantation sprechen. "Alle, die im Bundestag für die Erklärungslösung eintreten, haben Respekt vor denjenigen, die sich eine Organspende nicht vorstellen können." Jeder müsse die Entscheidung frei fällen können.

"Wir sollten aber nicht so tun, als ob schon die Frage, ob jemand Organspender sein möchte, eine Einschränkung des Rechts der freien Selbstbestimmung ist", sagte Steinmeier.

Freiwilligkeit ist das Schlüsselwort

Aus Sicht der christlichen Kirchen sei die Organspende ein Ausdruck der Nächstenliebe, sagte Dieter Geerlings, Weihbischof für die Diözese Münster. "Sie ist ein Zeichen der Hilfsbereitschaft, die in besonderer Weise Anerkennung, Wertschätzung und Bewunderung verdient." Zentral sei die Freiwilligkeit der Entscheidung, sagte Geerlings.

"Die Organspende erfordert die freie und informierte Zustimmung des Spenders."

Das spricht aus seiner Sicht gegen die reine Widerspruchslösung. Mit der Erklärungslösung könnte sich Geerlings dagegen anfreunden. Jeder Bürger sollte sich mit dieser Frage auseinander setzen, forderte er. "Es muss aber möglich sein, die Entscheidung auf später zu vertagen oder eine Erklärung rückgängig zu machen."

[04.11.2011, 16:08:52]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Mehr Organspendebereitschaft wagen"
'Mehr Organspendebereitschaft wagen' ist wie "Mehr Demokratie wagen" von Willy Brandt. Das geht nur mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut u n d Offenheit!

Nicht mit der guten, alten deutschen Holzhammermethode: In einer säkularen Gesellschaft ist die "Wiedergeburt" (Prof. E. Nagel) genau wie die "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende" und zum "Ja oder Nein" ebenso spekulativ wie appellativ. Allein die Diskussion um eine reine "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) quasi von Geburt an potentieller Organspender sei und bleiben solle, wenn er nicht energisch widerspräche, reflektiert einen der verfassten Demokratie unwürdigen Fundamentalismus.

Und bei allem Respekt, auch wenn die bisherige erweiterte Zustimmungslösung von einer breiten Mehrheit durch eine Erklärungs- und Entscheidungslösung ersetzt würde, muss die B e r e i t s c h a f t zur Organspende durch flankierende Maßnahmen erst noch verbessert werden. Wenn auch nur der Hauch von Diskriminierung spendenunwilliger Befragter entsteht, wird es wie bei männlichen u n d weiblichen Bewerbern für eine ausgeschriebene Arbeitsstelle gehen: Die Frage nach der Schwangerschaft ist dann nach höchstrichterlicher Rechtsprechung verfassungsmäßig eindeutig u n z u l ä s s i g!

Wo ist aber die offene Diskussionsbereitschaft zu Themenkomplex Organspende im Leben und im Sterben?
Wie stehen Wissenschaft, Politik, Öffentlichkeit und Ärzteverbände zu den mittlerweile 14 Jahre alten Hirntodkriterien der BÄK?
Was ist mit der privatrechtlichen Konstruktion von Eurotransplant?
Wieso gibt es Korruptionsvorwürfe bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO)?
Wie groß ist die Bereitschaft, sich mit Problemen derer auseinanderzusetzen, die in Pflege, ärztlichem Dienst und Logistik den Sterbeprozess bei hirntoten Patienten aufhalten müssen, um nach der operativen Organentnahme die Apparatemedizin abschalten und Alles wegräumen zu müssen?

D a s moralisch-ethische Dilemma bleibt: Die Entnahme möglichst vitaler Organe bei unwiderruflichem Sterben lässt sich nicht in jedem Einzelfall für alle Beteiligten befriedigend lösen. Unsere Patienten haben nun mal Angst, dass ihr Leben u. U. verkürzt wird, um möglichst vitale Spenderorgane zu erlangen. Der Transplantations-Medizinbetrieb präsentiert allzu gerne seine operativen Explantations- und Transplantationshelden. Doch die Schattenseiten der Erfolgsquoten wie Komplikationen, Spenderorganversagen, Transplantatabstoßung (Rejektion) werden keineswegs so transparent präsentiert. Die Öffentlichkeit glaubt doch, die wenigen zur Verfügung stehenden Organe würden ausnahmslos alle neues Leben schenken können.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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