Ärzte Zeitung, 18.11.2016
 

Manipulationsverdacht

Hamburger Uniklinik wehrt sich

Das Uniklinikum Eppendorf bestreitet, vor Lungentransplantationen Patientenakten manipuliert zu haben. Es habe lediglich Schnittstellenprobleme gegeben. Fakt ist, einige Papierakten sind bislang nicht auffindbar.

Von Christian Beneker

Hamburger Uniklinik wehrt sich

© UKE

Das Uniklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat sich mit scharfen Worten gegen den Verdacht gewehrt, dass Daten von Patienten zur Lungentransplantation im Hause manipuliert worden seien. Es handele sich lediglich um "Prozessmängel in der Dokumentation", so das UKE in einer Stellungnahme am Mittwoch.

"Aus den Fehlern in der Dokumentation einen Vorsatz oder Manipulation abzuleiten, ist falsch. Das UKE weist diese Vorwürfe scharf zurück", heißt es in der Stellungnahme. Allerdings bleiben Fragen offen.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Nach einer Routinekontrolle hatte die Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer bei 14 von 25 im UKE überprüften Dokumentationen aus dem Lungentransplantationsprogramm der Jahre 2010 bis 2012 Beanstandungen ausgesprochen. In dem entsprechenden Bericht ist von "erheblichen Dokumentationslücken und klinisch ungeklärten Fragestellungen" die Rede. So fehlten etwa ganz oder teilweise die Originalakten.

Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg wegen "Aktenunterdrückung". Die Staatsanwaltschaft gibt sich allerdings zurückhaltend: "Wir prüfen noch, ob sich in den Akten Anhaltspunkte für strafrechtlich Verfolgbares findet", sagt Oberstaatsanwältin Nana Frombach von der Hamburger Staatsanwaltschaft zur "Ärzte Zeitung". "Vermutungen reichen nicht."

 Tatsächlich spricht der Bericht vom "Verdacht der Unterdrückung und Veränderung allokationsrelevanter Krankenunterlagen." Dieser Verdacht könne aber "letztlich weder bestätigt, noch ausgeräumt werden." Deshalb hat die Kommission die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Worum geht es? Bei der Versorgung der lungenkranken Patienten arbeitet das UKE mit der LungenClinic Großhansdorf zusammen. Dort werden die Patienten versorgt, bevor sie im UKE gegebenenfalls eine Transplantation erhalten. In Großhansdorf werden auch die Blutgasanalysen (BGA) der Patienten vorgenommen.

"Aufsichtsplicht erheblich verletzt"

Bei der Sichtung der Analysen fiel der Prüfungskommission auf, dass "auffallend niedrige Sättigungswerte und erheblich von den Normwerten abweichende Partialdruckwerte ermittelt und vom UKE gegenüber ET (d.i. Eurotransplant) angegeben wurden, ohne dass der sehr kritische Gesundheitszustand, den diese Daten implizieren, nachvollzogen werden konnte", wie es in dem Bericht heißt.

Mit anderen Worten: Die kritischen BGA-Werte passten nicht zum dokumentierten guten Gesundheitszustand des Patienten. Zudem fehlten in Unterlagen die Sauerstoffflussraten, die gleichwohl an ET gemeldet wurden. "In anderen Fällen waren zwischenzeitlich wesentlich bessere Messwerte als die an ET gemeldeten gemessen worden", so der Bericht. Außerdem habe das UKE die Intensivverlaufskurven eigener Patienten der Prüfungskommission nicht vollständig vorgelegt, weder in Papierform noch elektronisch.

Das UKE habe "in erheblichem Maße" seine Aufsichtspflichten vernachlässigt", folgert die Kommission: "Die in diesem Ausmaß in der bisherigen Prüfungstätigkeit der Kommissionen nicht vorgekommene Erschwerung ihrer Arbeit begründet zusammen mit den in einzelnen Fällen definitiv festgestellten Divergenzen zwischen den Antragsunterlagen und den bei der Visitation vorgelegten Dokumenten den Verdacht der Unterdrückung und der Veränderung allokationsrelevanter Krankenunterlagen."

Das UKE räumt in einer Stellungnahme "Schnittstellenprobleme" zwischen dem UKE und der LungenClinic Großhansdorf ein. Beide Häuser hätten seinerzeit unterschiedliche Dokumentationssysteme gehabt, und zwar in Großhansdorf auf Papier und im UKE elektronisch. Dies gibt das UKE als wesentlichen Grund für die beanstandeten lückenhaften Daten an.

Tatsächlich seien "7 Papierakten des Kooperationspartners LungenClinic Großhansdorf nicht mehr auffindbar." Aber: Kein Patient sei zu Schaden gekommen, niemand sei auf der Warteliste bevorzugt worden oder habe früher ein Organ erhalten. Die Prozessmängel seien seit 2013 abgestellt und die Vorwürfe der Manipulation falsch, so das UKE.

Aber sind die Ärzte, die seinerzeit verantwortlich waren, noch am Haus? Wo sind die sieben Papierakten geblieben? Nähere Angaben dazu wollte die Sprecherin des UKE, Saskia Lemm, am Donnerstag nicht machen.

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