Ärzte Zeitung, 07.12.2016

Neues Herz

Künftig sollen die Erfolgsaussichten mitzählen

Die Organspendeskandale der Vergangenheit zeigen Wirkung. Die Bundesärztekammer spricht gar schon von einer Zeitenwende.

Von Anno Fricke

Künftig sollen die Erfolgsaussichten mitzählen

Teamarbeit bei der Nierentransplantation: Einsame Entscheidungen von Operateuren gehören laut Bundesärztekammer der Vergangenheit an.

© Gaetan Bally / dpa

BERLIN. Bei Herztransplantationen sollen künftig bei der Zuteilung von Spenderorganen die Erfolgsaussichten stärker einbezogen werden. Das hat der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Professor Hans Lilie, angekündigt.

"Damit betreten wir wissenschaftliches Neuland", sagte Lilie am Dienstag in Berlin. Der Entwurf einer mathematisch fundierten Objektivierung der Zuteilung sei derzeit in der Abstimmung.

Lilie sprach bei der Vorstellung des Jahresberichts der Prüfungs- und Überwachungskommission der Transplantationsprogramme von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und des GKV-Spitzenverbands. Sämtliche Richtlinien zur Organtransplantation sollen demnach bis Ende 2017 überarbeitet werden.

Erst im November seien in der Richtlinie Unschärfen bei der Zuteilung von Spenderlungen ausgeräumt worden, berichtete Lilie.

Weiter Handlungsbedarf

An dieser Stelle bestand und besteht weiter Handlungsbedarf. Im Universitätszentrum Hamburg-Eppendorf und im Herzzentrum Leipzig haben die Kommissionen im Verlauf ihrer bereits 2015 aufgenommenen Prüfungen systematische Richtlinienverstöße und Manipulationen festgestellt.

Sie seien geeignet gewesen, die Zuteilung von Organen zu beeinflussen, berichtete die Vorsitzende der Prüfungskommission Richterin Anne-Gret Rinder. So seien an die transnationale Verteilstelle Eurotransplant auffallend niedrige Sauerstoffsättigungen, Sauerstoffpartialdrücke oder Sauerstoffbedarfe gemeldet worden. Gegenüber den Prüfungskommissionen hätten diese Befunde jedoch nicht belegt werden können.

In Hamburg hätten zudem schriftliche Originalunterlagen nicht vorgelegt werden können. Das sei "besonders schwerwiegend", sagte Rinder. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bestreitet die Vorwürfe.

Im Prüfzeitraum 2013 bis 2015 gab es zudem ausweislich des Berichts bei Lungentransplantationen elf systematische Richtlinienverstöße und Manipulationen am Universitätsklinikum Jena. In diesen Fällen seien gegenüber Eurotransplant falsche Angaben gemacht worden, sodass Patienten kränker erschienen als sie tatsächlich waren. Seit Sommer 2014 seien keine weiteren Manipulationen mehr festgestellt worden.

Lilie: Erfolg des Strukturwandels

Bei allen anderen geprüften Transplantationsprogrammen haben die Kommissionen keine Auffälligkeiten festgestellt. Das sei ein Erfolg des Strukturwandels, sagte Lilie. Es müsse von einer Wende gesprochen werden. Es gebe bei Transplantationen keine einsamen Entscheidungen von Operateuren mehr.

Ergebnisse von Transplantationskonferenzen seien inzwischen für die Listung wichtiger. Und: Die Verantwortung werde breiter gestreut, betonte er am Dienstag. Sowohl nicht an der Organverpflanzung beteiligte Ärzte als auch die ärztlichen Direktionen der Kliniken würden beteiligt, sagte Lilie.

Sorgen bereitet den Prüfern der internationale Organhandel. Gezielt würden per E-Mail Institutionen und Einzelpersonen angesprochen, die mit der Transplantationsmedizin in Deutschland verbunden seien, berichtete die ehemalige Bundesrichterin Professor Ruth Rissing van Saan.

Ärzte und Klinikleitungen müssen demnach zunehmend auch Patienten behandeln, die sich im Ausland ein Organ haben transplantieren lassen. Es sei nicht immer auszuschließen, dass ein solches Organ auf illegalem Weg beschafft worden sein könnte. Organhandel ist international geächtet und auch für Organempfänger in Deutschland strafbar.

10.505 Organe sind zwischen 2012 und 2015 verpflanzt worden. Im aktuellen Prüfzeitraum sind Verstöße nur noch bei Lungenverpflanzungen festgestellt worden.

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