Ärzte Zeitung, 22.06.2017
 

Transplantationen

Prüfer weisen Kritik aus Essen zurück

Die Uniklinik Essen hadert mit einem Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) für Organtransplantationen. Sie zieht unter anderem die Qualifikation der Prüfer in Zweifel. Die Kommissionsvorsitzende ist erstaunt.

Von Ilse Schlingensiepen

Prüfer weisen Kritik aus Essen zurück

Die Juristin Anne-Gret Rinder ist Vorsitzende der PÜK.

© Jutrczenka / dpa

KÖLN. Die Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) für Organtransplantationen weist die heftige Kritik der Universitätsklinik Essen an ihrem Vorgehen zurück. Die Prüfung des Lebertransplantationsprogramms an dem Haus sei nach bestem Wissen erfolgt, betont die Vorsitzende der Kommission Anne-Gret Rinder. "Wir haben unseren Bericht mit großer Sorgfalt erstellt", sagte Rinder der "Ärzte Zeitung".

Die PÜK hatte das Lebertransplantationsprogramm der Essener Klinik in den Jahren 2012 bis 2015 geprüft und war dabei auf eine Reihe von Mängeln gestoßen. In ihrem Bericht wirft die Kommission der Klinik willentliche und systematische Verstöße gegen Richtlinien vor.

Das Haus weist das zurück und stellt im Gegenzug die Legitimation und den Sachverstand der PÜK in Frage.

Keine Einwände der Regierung

Der Medizinrechtler Professor Martin Rehborn, der die Uniklinik berät, wirft der PÜK vor, sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens zu bewegen. So sehe das Transplantationsgesetz getrennte Kommissionen für die Kontrolle der Organentnahme und der Organvermittlung mit jeweils unterschiedlichen Kompetenzen vor. Die Zusammenführung in der PÜK hält er für zweifelhaft.

Rinder, selbst Juristin, sieht das anders. Es sei wegen des großen Umfangs der Prüfungen und der inhaltlichen Überschneidungen von Anfang an als sinnvoll erachtet worden, beide Bereiche zusammen zu prüfen. "Das ist sonst noch von keiner Seite kritisiert worden", betont sie. Auch die Bundesregierung habe keine Einwände.

Auch den Einwand, das Gesetz sehe die Prüfung der Organvermittlungsstelle – also Eurotransplant – und nicht der Zentren vor, lässt Rinder nicht gelten. Nach dem Transplantationsskandal in Göttingen habe es im August 2012 bewusst den gemeinsamen Beschluss des Bundesgesundheitsministeriums, der Landesgesundheitsministerien, der Bundesärztekammer (BÄK), des GKV-Spitzenverbands und der Deutschen Krankenhausgesellschaft gegeben, dass die PÜK in Drei-Jahres-Abständen alle Zentren flächendeckend prüfen soll.

"Kompetenz steht außer Zweifel"

Die Stichprobenprüfung der Lebertransplantationen an der Uniklinik Essen im Mai 2016, die sich auf die Jahre 2012 bis 2015 erstreckte, sei routinemäßig erfolgt, berichtet die Vorsitzende. Die erneute Prüfung im Dezember 2016 sei die Folge von dort festgestellten Auffälligkeiten gewesen. "Es war im Mai schon klar, dass wir nochmals prüfen würden."

Die Uniklinik Essen hatte bemängelt, dass sie auf ihre 177 Seiten umfassende "Gegenvorstellung" zu den Kritikpunkten der PÜK keine Reaktion erhalten hatte. Die Kommission trete nie mit den geprüften Zentren in den Dialog, stellt Rinder klar.

Aber: "Wir haben die Gegenvorstellung für unseren Bericht ausführlich bearbeitet." Die Behauptung, die Kommissionsmitglieder verfügten nicht über den ausreichenden medizinischen Sachverstand, weist sie entschieden zurück. Die Kompetenz der Prüfer stehe außer Zweifel. "Das ist bislang auch noch von keinem Zentrum bemängelt worden."

Wenig Verständnis hat Rinder auch für die Zweifel der Uniklinik und der sie beratenden Juristen an der Legitimität der den Prüfungen zugrunde liegenden Richtlinien der BÄK.

Die kritisierten Punkte wie der Ausschluss von alkoholkranken Patienten, die keine Abstinenz von mindestens sechs Monaten nachweisen können, seien medizinisch begründbar. Die Zuständigkeit der BÄK stehe nicht in Frage. "Das Transplantationsgesetz sieht ausdrücklich die Richtlinien-Kompetenz der Bundesärztekammer vor."

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