Ärzte Zeitung, 03.11.2017
 

Organspende

Der Transplantationsmedizin geht es an die Substanz

Die Zahl der postmortalen Organspenden könnte 2017 einen neuen Tiefstand erreichen. Dadurch geraten die Strukturen der Transplantationsmedizin immer stärker unter Druck. Das hat auch Folgen für die Ausbildungsstätten.

Ein Hintergrund von Nicola Siegmund-Schultze

Der Tenor bei der 26. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) in Bonn war klar: Das tiefe Niveau bei den postmortalen Organspenden ist kein vorübergehendes Phänomen, es ist eine Zäsur seit einigen Jahren. Das Fachgebiet muss nicht nur die Diskrepanz verkraften zwischen dem hohen Bedarf an Organen und der geringen Spenderzahl. Es muss sich auch dem zunehmenden Druck stellen, der aus der Gesundheitspolitik kommt. Ein "erheblicher Rückbau" sei in der Diskussion, so die DTG, also eine Schließung von Zentren, die vergleichsweise niedrige Operationszahlen haben. So gelten ab diesem Jahr Mindestmengen von jährlich 20 für Leber- und 25 für Nierentransplantationen.

Umstrittene Mindestmengen

Kongresspräsident Professor Christian Straßburg von der Uniklinik Bonn sieht für diese Festlegung keine wissenschaftliche Evidenz. Gerade kleinere Zentren könnten gute Qualität liefern. Gravierende Folgen von Schließungen wären, dass sich die Zahl der Ausbildungsstätten und die Karriereperspektiven für Transplantationsmediziner verringern würden. "Deutschland liegt mit der Zahl der Zentren pro Bevölkerung international im Mittelfeld." Aber es fehlen Organe. Es ist das fünfte Jahr in Folge, dass die postmortal gespendeten Organe unter die Marke von 3000 fallen werden. Für das dritte Quartal 2017 meldet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) 2 004 postmortale Organe. Im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres waren es 2138 gewesen und am Ende des Jahres 2867, ähnlich wie in den drei Jahren zuvor. "Die Situation für 2017 ist noch schlechter als in den Vorjahren", sagte Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, der die Daten beim Kongress präsentierte. Es ist ein Tiefstand, wie es ihn seit mehr als 20 Jahren nicht gegeben hat. 1997, dem Jahr, in dem das Transplantationsgesetz in Kraft trat, waren 3223 Organe postmortal gespendet worden, dann erhöhte sich die Zahl und erreichte 4205 im Jahr 2010. Seither geht es bergab, und in diesem Jahr wird ein Minus von mehr als 1500 Organen im Vergleich zu 2010 erwartet."Es liegt nicht an einer abnehmenden Spendebereitschaft der Bevölkerung", stellte Rahmel klar. Die Zustimmungsraten hätten sich nach vorübergehendem Absinken um den so genannten Transplantationsskandal 2012 herum wieder verbessert, die Ablehnungsquote liege derzeit bei circa 30 Prozent. Um diesen Wert oszilliert sie seit vielen Jahren und sie war auch schon höher.

Irritationen nach Freispruch

"Es handelt sich in erster Linie um ein Organisationsversagen", so Professor Klemens Budde von der Charité Berlin zur "Ärzte Zeitung", "das Problem liegt in den Kliniken, natürlich haben wir auch mit Arbeitsverdichtung zu kämpfen." Hinzu kommen Veränderungen in Altersstruktur und Todesursachen der Spender: Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 55 Jahren, und die Todesursachen sind zunehmend atraumatisch: An erster Stelle intrakranielle Blutungen (zu 51 Prozent), gefolgt von ischämisch-hypoxischem Hirnschaden, zum Beispiel nach erfolgreicher Reanimation (21 Prozent). Und dann werde häufig bei infauster Prognose die Therapie abgebrochen, ohne dass die Option einer Organspende besprochen worden wäre, in höheren Altersgruppen bei circa 60 Prozent der potenziellen Spender, so die Analyse der DSO. Bei weiteren knapp 20 Prozent sei die Einleitung einer Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls indiziert gewesen, aber nicht erfolgt. "Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass in den Kliniken mehr an Organspende gedacht wirdund dass dabei die Frage nach dem Wunsch zur Organspende selbstverständlicher Bestandteil der Versorgung am Lebensende wird", sagte Rahmel. Außerdem dürften Kliniken keinen finanziellen Verlust durch Organspende haben. Organspende werde aufwändiger, da das zunehmende Spenderalter umfangreiche Funktionsprüfungen zur Sicherheit der Empfänger erfordere. "Die Aufwandsentschädigung sollte nach tatsächlichem Aufwand gestaffelt werden", fordert Rahmel, "nicht pauschal".

Für Irritationen in der Transplantationsmedizin sorgt schließlich, dass der Bundesgerichtshof (BGH) im Juni den Freispruch des Göttinger Transplantationschirurgen, der mit Verstößen gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer und Manipulationen der Warteliste den Transplantationsskandal ausgelöst hatte, bestätigt hat. Das Verhalten des Chirurgen sei zwar verwerflich, aber nicht strafbar gewesen, so die Richter. "Nach außen ist teilweise der Eindruck entstanden, man müsse sich nicht an Regeln halten", sagt Professor Richard Viebahn von der Uniklinik Bochum, Vorsitzender der Ethikkommision der DTG. Im Spannungsfeld der übrigen Probleme ergebe sich ein "explosives Gemisch". Die Juristin Professor Elisa Hoven von der Uni Köln sieht mit dem Urteil aber nicht "das System in Frage gestellt": Es sei eine Einzelfallentscheidung. Die vom BGH zurecht kritisierte, frühere starre Regelung zur sechsmonatigen Alkoholkarenz vor Aufnahme auf die Warteliste sei korrigiert worden und die Manipulation der Warteliste nach einer Gesetzesänderung nun eindeutig strafbar.

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