Ärzte Zeitung, 17.12.2009

Lieber Angehörige statt Pflegeprofis?

In Niedersachsen sollen Angehörige in der Pflege geschult werden, um professionelle Pflegedienste zu entlasten, aber wohl auch, um Geld zu sparen.

Von Christian Beneker

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Einige Hausärzte vertrauen bei der Gabe von Medikamenten eher den Angehörigen des Patienten, als Pflegediensten.

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SPRINGE. In Springe und Garbsen bei Hannover könnten ärztliche Verordnungen für Pflegepatienten bald von Laien umgesetzt werden statt von Pflegediensten. Die Diakonie und AOK haben ein bundesweit einmaliges Projekt zum Ausbau häuslicher Pflege durch Nachbarn oder Familienangehörige gestartet. Ausgebildet werden die Laien vom Pflegedienst der Diakonie.

Ziel der Aktion: Geld sparen, die Isolation der Pflegepatienten aufbrechen und den Zusammenhalt von Nachbarschaften, Haushalten und Familien stärken. "Bei immer kleiner werdenden Zeitbudgets müssen wir die professionelle Pflege entlasten", sagt Projektleiter Andreas von Schell vom beteiligten Diakoniewerk Kirchröder Turm e.V. In dem Pilotprojekt erhalten die Laien eine 160 Stunden und fünf Module umfassende kostenlose Ausbildung - von Medikamentenkunde, über Krisenintervention bis hin zu Kommunikationsstrategien in der Familie. Versichert sind die Laien über den erweiterten Versicherungsschutz für Ehrenamtliche des Landes Niedersachsen.

"Voraussetzung ist, dass auch bei den Ärzten ein Bewusstseinswandel einsetzt", sagt von Schell, "sie kennen ihre Patienten gut und mancher Hausarzt hätte lieber einen Angehörigen als einen Pflegedienst, wenn es etwa um die Medikamentengabe geht." In Absprache mit den Hausärzten wird nach der Ausbildung das Einverständnis des Patienten eingeholt, die Anleitungsfähigkeit festgestellt und es werden die Tätigkeiten festgelegt. Das Projekt wird von der Ärztegenossenschaft Niedersachsen-Bremen (ägnw) unterstützt.

Man habe "sehr unterschiedliche Reaktionen" von den anderen Pflegediensten erhalten, hieß es beim Diakoniewerk Kirchröder Turm vorsichtig. "Der professionelle Pflegedienst soll nicht ersetzt, sondern entlastet werden", versichert von Schell, "aber die Fließbandarbeit des Fachpersonals muss aufhören."

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