Ärzte Zeitung online, 12.08.2010

Interview

"Frau Merkel muss Pflege zur Chefsache machen"

Pflegeverbände schlagen Alarm. Perspektivisch müssten mindestens 300.000 zusätzliche Fachkräfte her, um den steigenden Bedarf abzudecken. Die aber fehlen. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), sieht die Politik am Zug. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse das Thema zur Chefsache erklären und einen nationalen "Pflege-Gipfel" einberufen, fordert er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Frau Merkel muss Pflege zur Chefsache machen"

"Der Markt an Pflege-Fachkräften ist praktisch leer gefegt." (Bernd Meurer, bpa-Präsident)

© bpa

Ärzte Zeitung: Herr Meurer, würden Sie noch einmal eine Ausbildung als Krankenpfleger machen?

Bernd Meurer: Ja. Der Pflegeberuf ist ein schöner Beruf. Die Ausbildung ist spannend und vielseitig. Man lernt sehr viel und hat die Möglichkeit, unmittelbar etwas Positives mit und für Menschen zu tun. Deshalb habe ich den Schritt in die Pflege nie bereut.

Ärzte Zeitung: Wird in der aktuellen Diskussion um Ärztemangel mitunter übersehen, dass auch die professionelle Pflege vor massiven Problemen steht?

Meurer: Der Eindruck drängt sich einem schon auf. Dabei besteht enormer Handlungsbedarf. In Deutschland herrscht ein akuter Mangel an Pflegefachkräften. Den stelle ich auch in meinen eigenen Pflegeheimen fest, beispielsweise in München, wo ich ein neues Haus eröffnet habe. Ich könnte dort schneller Wohngruppen für Senioren eröffnen und belegen, wenn ich schneller qualifiziertes und engagiertes Personal finden würde.

Ärzte Zeitung: Wie dramatisch ist die Situation? Herrscht Pflegenotstand?

Meurer: Wenn "Pflegenotstand" bedeutet, dass pflegebedürftige Menschen im Moment nicht mehr versorgt sind, wäre das ein Missverständnis. Wir haben einen eklatanten Fachkräftemangel und wir werden daher in Zukunft nicht mehr Menschen versorgen können, wenn wir nicht gegensteuern. Allein in den nächsten zehn Jahren benötigen wir rund 300.000 zusätzliche Pflegekräfte in Deutschland. Aber der Markt an Fachkräften ist praktisch leer gefegt.

Ärzte Zeitung: Betrifft der Mangel nur die ländlichen Regionen?

Meurer: Wir haben es mit einem flächendeckenden Problem zu tun. Auch in den Ballungszentren finden Pflegeeinrichtungen nicht das Personal, das sie brauchen. Wir könnten auf einen Schlag bis zu 10.000 Pflegekräfte einstellen. Sie sind aber nicht da.

Ärzte Zeitung: Wie ist das Problem in den Griff zu bekommen?

Zur Person

Bernd Meurer ist Geschäftsführender Gesellschafter der Seniorenheime Meurer GmbH. Seit 1995 ist der gelernte Krankenpfleger Vorsitzender der Landesgruppe Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), seit 1997 Präsident des bpa. Der Verband vertritt rund 6500 Unternehmer der stationären und häuslichen Pflege mit etwa 200.000 Arbeitsplätzen. Im Jahr 2004 wurde Bernd Meurer durch den Bundespräsidenten in das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) berufen. Seit 2005 ist der 53-Jährige Vizepräsident des Bundesverbandes der Dienstleistungswirtschaft (BDWi) und Mitglied im Hauptausschuss des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge.

Meurer: Erstens müssen wir stärker bei den Schulabgängern für den Pflegeberuf werben. Dass wir allein dadurch das Problem in den Griff bekommen, ist aber illusorisch. Um den künftigen Bedarf an Pflegekräften abdecken zu können, müsste heute etwa jeder dritte Schulabgänger plötzlich sagen, ich gehe in den Pflegeberuf. Unsere Erfahrungen sind, dass maximal drei bis fünf Prozent der Schulabgänger in die Pflege gehen. Zudem stehen wir in einem harten Wettbewerb mit anderen Dienstleistungs- und Industriebereichen, die ebenfalls Fachkräfte suchen.

Deshalb müssen wir zweitens über den Weg der Umschulung mehr Leute in die Pflege holen oder bereits tätige Hilfskräfte zu Fachkräften weiterbilden. Hier gibt es ein großes Potenzial vor allem bei den 35- bis 45-Jährigen. Pflege ist ein Frauenberuf. Viele Frauen haben einen Beruf, mit dem sie keinen wirklichen Erfolg mehr haben. Ihnen könnte man über den Weg der Umschulung eine neue berufliche Perspektive anbieten. Der Pflegejob ist krisensicher und wird wohnortnah angeboten.

Dennoch reichen auch diese beiden Schritte zusammengenommen nicht aus, um den steigenden Bedarf abzudecken. Deshalb brauchen wir als dritten Schritt die Green-Card für ausländische Pflegekräfte. Und die brauchen wir ganz schnell.

Ärzte Zeitung: An welche Voraussetzungen wäre die Arbeitserlaubnis geknüpft?

Meurer: Die wichtigsten Eingangsvoraussetzungen sind fachliche Qualifikation und gute Deutschkenntnisse. Wir wollen hochqualifizierte Fachkräfte für die Pflege gewinnen.

Ärzte Zeitung: Klingt nach einer sehr hohen Hürde.

Meurer: Das ist richtig, aber alles andere nützt uns nichts. Wir brauchen ein gewisses Bildungsniveau.

Ärzte Zeitung: Der Pflegerat sagt: Deutschland könne seine Fühler noch so weit ausstrecken, um Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben, Bezahlung und Anerkennung dessen, was Pflegende tagtäglich leisten, seien hierzulande so miserabel, dass sowieso kaum jemand kommt.

Meurer: Ich würde es darauf ankommen lassen, ob beispielsweise eine polnische Pflegekraft nach Nordschweden oder doch lieber nach Deutschland geht bei einer ordentlichen Bezahlung. Derzeit kann die polnische Pflegefachkraft aber gar nicht nach Deutschland kommen, weil sie keine Arbeitserlaubnis erhält und ihr die Qualifikation abgesprochen wird. Das ist arrogant.

Ärzte Zeitung: Hat die Regierung das Problem des Fachkräftemangels erkannt?

Meurer: Ich denke schon, dass sie das Thema auf dem Schirm hat. Aber bislang springt die Politik zu kurz. Es gibt immer mal eine Kampagne oder einen Modellversuch. Fakt ist: Heute haben wir geschätzt 10.000 offene Pflegestellen, die dringend besetzt werden müssen. Da nützt mir keine Imagekampagne etwas. Hier müssen wir schnell ergebnisorientiert arbeiten. Bis spätestens Ende 2011 muss das Problem des Pflegekräftemangels gelöst sein - wie auch immer. Dass man die Priorität auf Deutschland legt, ist verständlich. Wenn es dann aber nicht reicht, ist man es den alten und pflegebedürftigen Menschen schuldig, weitere Schritte zu gehen. Alles andere ist politisches Geplänkel.

Ärzte Zeitung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, in nächster Zeit Pflegeeinrichtungen besuchen zu wollen, um sich ein Bild zu machen. Was würden Sie ihr mit auf den Weg geben, wenn sie in eines Ihrer Häuser kommt?

Meurer: Sie muss das Thema Pflege zur Chefsache machen und alle beteiligten Akteure - Politik, Kostenträger, Pflegeverbände, Betroffene, Ärzte - an einen Tisch holen. Wir brauchen einen Pflege-Gipfel, der Lösungskonzepte erarbeitet. Die Konzepte müssen rasch umgesetzt werden. Für Aufschub ist keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt handeln, um den Pflegekräftemangel zu beheben.

Das Gespräch führte Thomas Hommel.

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