Ärzte Zeitung online, 01.11.2010

Gelbe Karte für Merkel: Pflegekräfte schlagen Alarm

Verbände der Pflege warnen vor dem "totalen Pflegekollaps". Die Regierung müsse endlich handeln, und nicht nur einseitig auf den Ärztemangel blicken.

Von Thomas Hommel

Gelbe Karte für Merkel: Pflegekräfte schlagen Alarm

Pflege in einem Seniorenzentrum: die Verbände schlagen Alarm und warnen vor einem Personalkollaps.

© dpa

BERLIN. Vertreter der Pflege haben die Bundesregierung davor gewarnt, ihren Blick einseitig auf den drohenden Ärztemangel zu richten. Auch in der Pflege herrsche ein "katastrophaler Personalmangel", sagte die Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), Gudrun Gille, am Montag in Berlin.

In Kliniken und Heimen seien Pflegekräfte wegen der ausgedünnten Personaldecke oft "im Dauerstress". Mehr Arbeit müsse von immer weniger Personal geleistet werden. "Zehn-Stunden-Dauerschichten im hohen Arbeitstempo ohne Pause und überzählige Überstunden" seien mittlerweile die Regel auf vielen Stationen. Steigende Arbeitsbelastungen träfen aber nicht nur die Pflegenden, "sondern auch die Patienten", warnte Gille. "Es kann so nicht weitergehen."

DBfK-Geschäftsführer Franz Wagner warf der Politik vor, den Pflegepersonalmangel verschlafen zu haben. "Wir warnen seit Jahren schon davor und nichts ist passiert." Blieben die politisch Verantwortlichen weiter untätig, sei der "totale Pflegekollaps nicht mehr aufzuhalten".

Pflegekräfte, Patienten und Angehörige sollten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Pflegepolitik jetzt die Gelbe Karte zeigen. Die Karten, die in Kliniken und Heimen und via Internet verteilt würden, sollten per Mail oder Post an das Kanzleramt verschickt werden.

"Wir verstehen die Gelben Karten als Hinweis, dass in der Pflege etwas schief läuft", sagte Wagner. Da Merkel als Kanzlerin die Richtlinienkompetenz über die Politik der Bundesregierung habe, richtet sich der Appell der Pflegenden in erster Linie an sie. Weiterer Adressat der Aktion sei aber auch Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP).

Dessen Ankündigung, sich schon in Kürze dem Thema Pflege widmen zu wollen, kommentierte Wagner zurückhaltend. "Dass man sich kümmern will, hören wir seit einem Jahr. Nur haben wir bisher leider nicht erlebt, dass etwas passiert."

Dies gelte auch für die geplante Reform der gesetzlichen Pflegeversicherung und die Überarbeitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs, nach dem die Pflegekassen den Pflegebedarf eines Patienten einstufen und vergüten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »