Ärzte Zeitung, 19.07.2011

Demenzkranke brauchen Hausärzte

Gemeinsames Zeitung lesen, Spiele, Alltagsroutinen, die auch funktionieren: die Herausforderungen für Angehörige bei der Betreuung von Demenzpatienten sind groß. Hausärzte können viel zum Gelingen in der Pflege beitragen.

Nichts geht ohne enge Anbindung an Hausärzte

Damit Demenz-Patienten gut versorgt werden, ist ein enger Kontakt zum Hausarzt unerlässlich.

© Klaro

BREMEN (cben). Zuerst ein Screening-Test und dann zur Abklärung in die Klinik. Bei der Diagnose von Demenz müssen Hausärzte die einleitenden Schritte zur genauen Diagnose tun. Aber beim Verdacht auf Demenz soll eine differenzierte Diagnostik erfolgen. Das sagte Dr. Amit Choudhury vom Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation am Bremer St. Joseph-Stift vor kurzem auf dem 5. Bremer Fachtag Demenz.

"Die Hausärzte merken bei ihren alten Patienten am ehesten, wenn etwas nicht stimmt", sagte Choudhury, "dann ist es Zeit für das geriatrische Basis-Assessment." Aber der Uhrentest oder der Mini-Mental-Status-Test (MMSE-Test) könnten nur ein Anhaltspunkt sein. "Erst eine neuropsychologische Testung zum Beispiel in der Klinik kann eine genaue Diagnose und damit die richtige Behandlung ermöglichen", so Choudhury.

Nach Angaben des Bremer Geriaters leben in Deutschland derzeit rund 1,5 Millionen demenzkranke Menschen. Sechs bis neun Prozent der über 65-Jährigen und rund 33 bis 47 Prozent der über 85-Jährigen seien erkrankt. Die Inzidenzraten verdoppeln sich zwischen dem 65. und 90. Lebensjahr etwa alle fünf Jahre, erklärte Choudhury. "Von den heute 50-Jährigen wird jeder Vierte an Demenz erkranken."

Hohe Lebensqualität ist durchaus möglich

Umso wichtiger sei es, die Krankheit möglichst früh zu erkennen. "Je früher die richtige Diagnose steht und je eher beraten wird, um so größer ist die Entlastung für die Patienten und ihre Familien", so Choudhury. "Die Gesundheit der pflegenden Angehörigen bessert sich nachweislich, wenn sie wissen, woran sie sind." Ist etwa die Diagnose "Alzheimer" korrekt gestellt, könne der Patient auch mit der Erkrankung noch eine längere Zeit mit hoher Lebensqualität und relativ großer Selbstständigkeit zuhause leben.

Voraussetzung ist die richtige Betreuung zuhause. "Es geht hier weniger darum, alte Menschen mit Gedächtnistraining irgendwie fit halten zu müssen", so Choudhury, "sondern etwa um gemeinsames Zeitunglesen, spielerische Übungen in entspannter Atmosphäre, zum Beispiel Memory-Spiele, und besonders um funktionierende Alltagsroutinen." Nicht zu empfehlen seien dagegen Reisen oder Ausflüge, "die auf die Patienten oft verwirrend wirken und den Patienten stärker desorientieren könnten".

70 Prozent werden von Angehörigen gepflegt

Solche nicht-medizinischen Therapien seien oft wichtiger als die medizinischen, so Choudhury. Trotzdem brauchen die Patienten regelmäßige hausärztliche Anbindung. "So können neu auftretende Verhaltensstörungen auf Schmerzen hindeuten, die die Patienten kaum oder gar nicht als solche ausdrücken können." Hier sei vom Hausarzt besondere Sensibilität gefragt. Zudem belasten nicht oder nicht ausreichend behandelte körperliche Erkrankungen des Demenzkranken die Familien umso mehr.

Auch wenn viele Pflegeeinrichtungen, Heime, Tages- und Kurzzeitpflege Angehörige unterstützen und entlasten können, "so lösen sie trotzdem das Versorgungsproblem nicht. Das muss man wissen", sagte Choudhury. 70 Prozent aller Demenzkranken würden nach wie vor von ihren Angehörigen gepflegt. Aber Hausärzte und Angehörige können viel zum Gelingen der Pflege beitragen. Choudhury: "Es gibt ein Leben mit Demenz."

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