Ärzte Zeitung online, 04.08.2011

Migranten leiden im Pflegeheim mehr als Deutsche

BERLIN (dpa). Ausländische Senioren haben es in Altenheimen in Deutschland nach Auffassung des Pflegeexperten Stefan Görres schwerer als Deutsche.

Migranten leiden im Pflegeheim mehr als Deutsche

Das Gefühl, "abgeschoben" zu werden, behagt keinem. Ausländer haben damit aber größere Probleme als Deutsche, glaubt Pflegeexperte Stefan Görres.

© Geisser / imago

"Das Gefühl, "abgeschoben" zu werden, empfinden zwar auch Deutsche, aber bei Ausländern spielt noch ihr kultureller Hintergrund und das Gefühl der Diskriminierung mit hinein", sagt der Direktor des Instituts für Pflegeforschung an der Universität Bremen.

Muslime kämen oftmals aus unterstützenden familiären Netzwerken und würden deshalb Pflegeheimen reservierter gegenüberstehen, sagte Görres.

Außerdem könnten sie sich möglicherweise in deutschen Heimen nicht integrieren, "weil sie deutsche Strukturen, Sprachbarrieren und ein anderes Pflegeverständnis vorfinden". Es sei schon entscheidend, inwiefern eine "ganze Institution deutsch tickt".

Deutschland muss für Migranten dazulernen

"Der Umgang mit Pflege, mit Medikamenten und mit Schmerz ist in den verschiedenen Kulturräumen sehr unterschiedlich", erläuterte der Forscher. Darauf müssten auch die deutschen Pflegeheime eingehen.

Nach Ansicht von Görres haben internationale Pflegeheime nur dann eine Chance zu bestehen, wenn sie den Alltag der Menschen und ihre Lebensverhältnisse widerspiegeln. "Zugleich dürfen die multikulturellen Heime aber nicht zu einer Ghettoisierung und zu ethnischen Enklaven führen", warnte der Bremer Wissenschaftler.

Deshalb sei es sinnvoll, wenn die Pflegeheime die wirkliche Kultur und den Alltag der Stadtteile abbilden. Allgemein stelle sich die Frage: "Haben wir eine interkulturelle Gesellschaft?"

Weil das nicht wirklich so sei, müsse in Deutschland erst noch dazugelernt werden, wie Pflegeheime für ausländische Bürger gestaltet werden müssen.

Migranten im Senioren-Alter

In Deutschland lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr 614 000 Ausländer, die mindestens 65 Jahre alt waren. Nach Angaben des Bremer Pflegeforschers Stefan Görres sind ausländische Senioren "die prozentual am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland". Laut Görres werden bis 2030 etwa 2,8 Millionen über 60 Jahre alte Migranten erwartet.

In Berliner Pflegeheimen wohnten 2010 nach Angaben des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg 649 841 Männer und Frauen, darunter 65 921 Menschen mit Migrationshintergrund - also etwa zehn Prozent. In vollstationären Pflegeheimen haben rund zwei Prozent der Bewohner derzeit nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, teilte die Senatsverwaltung für Integration mit.

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