Ärzte Zeitung online, 23.12.2011
 

Bahr und Montgomery gegen Pflege-Abi

Pflege nur noch mit Abitur: Die Pläne der EU-Kommission bringen deutsche Politiker auf die Barrikaden. Gesundheitsminister Bahr kündigt an, gegen den Vorstoß zu kämpfen. BÄK-Präsident Mongomery warnt vor der Überakademisierung.

Bahr und Montgomery gegen Pflege-Abi

Montgomery und Bahr: EU-Pläne verschärfen Pflege-Notstand.

© [M] Alex Kraus | Tim Brakemeier / dpa

SAARBRÜCKEN/MÜNCHEN (nös). Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat EU-Plänen eine Absage erteilt, das Abitur als Mindestvoraussetzung für Pflegeberufe einzuführen.

"Das ist das falsche Signal", sagte der Minister der am Freitag erschienenen "Saarbrücker Zeitung". Bahr: "Ich habe mich in Brüssel persönlich gegen diese Pläne gewehrt und werde das weiter tun."

Am Montag hatte EU-Wirtschaftskommissar Michel Barnier Pläne vorgelegt, nach denen für Krankenpflegeberufe und Hebammen künftig EU-weit eine zwölfjährige Schulbildung nötig ist. In 24 EU-Staaten gilt diese Mindestvoraussetzung bereits.

Gesundheitsminister Bahr schloss sich der Kritik anderer deutscher Politiker an. "Wir müssen auch Haupt- und Realschülern die Möglichkeit geben, einen Pflegeberuf zu ergreifen", sagte er der Zeitung.

Nachwuchsproblem in der Pflege verschärft

Häufig komme es mehr auf die soziale Kompetenz an, als auf die Schulzeit. Bahr warnte vor einer Verschärfung des Pflegenotstands: "Wenn man den Zugang zu Gesundheits- und Pflegeberufen von vornherein erschwert, wird es noch schwieriger, den ohnehin schon drohenden Fachkräftemangel auszugleichen."

Auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Frank Ulrich Montgomery kritisierte die EU-Pläne. In der Samstagsausgabe der "Süddeutschen Zeitung" warnte er vor einer "Überakademisierung" des Pflegeberufs.

"Nicht jede Krankenschwester muss die Hochschulreife besitzen", sagte er dem Blatt. Die Kommissionspläne würden das Nachwuchsproblem bei Schwestern und Pflegern deutlich verschärfen.

Als Lösung für Deutschland brachte Montgomery die Anerkennung der Vorschuljahre auf die Gesamtschulzeit ins Gespräch. Dies sei bereits in etlichen EU-Ländern üblich, weswegen diese Staaten auf eine durchschnittliche Schulzeit von zwölf Jahren kommen.

[27.12.2011, 10:38:43]
Prof. Dr. Martina Hasseler 
In Deutschland verstehen wir die Zeichen der Zeit nicht
Warum sollte sich ein Ärztefunktionär zu den Voraussetzungen eines Pflegeberufes äußern? Die Annahme, dass ein höherer Schulabschluss zu einer Verschärfung des Fachkräftemangels in der Pflege führt ist falsch. Im Gegenteil: Jede Erniedrigung von formalen Voraussetzungen impliziert eine Deprofessionalisierung eines Berufes. Damit wird der Beruf unattraktiv. Fakt ist: Formale Schulabschlüsse für die Zulassung zur Ausbildung oder zum Studium sind ein Professionskriterium. Angesichts der Herausforderungen in der gesundheitlichen Versorgung benötigen wir hoch qualifizierte Fachkräfte. Herrn Montgomery geht es bei seinen Äußerungen weder um den Pflegeberuf noch um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung. Es geht darum, den Status quo in der Hierarchie der Gesundheitsberufe zu erhalten. Da stören professionell Pflegende mit einem höherwertigem Schulabschluss oder gar einem akademischen Abschluss. Studien im internationalen Raum belegen den Nutzen von qualifizierten Pflegenden in der Gesundheitsversorgung - und zwar zugunsten der Patientenoutcomes. Es wäre dringend an der Zeit, statt sich in rückwärtsgewandten und rückschrittlichen und nicht belegten Parolen zu verlieren, wenn es um die Weiterentwicklung von nichtärztlichen Gesundheitsberufen geht, sich der Zukunft zu widmen und ernsthafte Möglichkeiten inter- und multidisziplinärer Zusammenarbeit zu eruieren. Die Bedarfe gesundheitlicher Versorgung ändern sich und damit auch die qualifikatorischen Erfordernisse nichtärztlicher Berufe. Es ist eine weitere Erfahrung aus dem internationalen Raum, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegenden verbessert, wenn letztere über eine höhere Qualifikation verfügen und damit größere Verantwortlichkeiten übernehmen können. Zunehmend wird in Deutschland wegen des Fachkräftemangels in der Pflege die Frage gestellt, ob wir nicht im Ausland Fachkräfte rekrutieren können. Back to the 70s - die Globalisierung macht es möglich. Vergessen wird jedoch: Deutschland ist in der internationalen Pflege bekannt für die geringe Anerkennung, geringe Bezahlung, für die schlechten Arbeitsbedingungen, für die geringen Voraussetzungen, für die mangelnden Möglichkeiten, sich an der Gesundheitsversorgung zu beteiligen etc... Die Globalisierung macht eben auch möglich, dass sich die Pflegekräfte aus dem internationalen Raum in den Ländern mit den attraktiveren Arbeitsbedingungen umsehen und bewerben können. Diese Entwicklung wird oft in der Debatte um Rekrutierung von Pflegefachkräftena aus dem internationalen Raum vergessen. Deutschland ist ganz gewiß nicht das Traumland der Pflegeberufe. Der Einsatz von Politik und Ärzten gegen eine 12-jährige Schulbildung von Fachkräften verbessert das Ansehen der Pflege im internationalen Raum nicht. In den Wettbewerb mit anderen Ländern können wir so nicht gehen.
Dr. Martina Hasseler zum Beitrag »
[23.12.2011, 20:38:20]
Christof Oswald 
Der politische Pflegenotstand in Deutschland
Ja, da müssen die künftigen Pflegenden in Deutschland doch wirklich dankbar sein, dass sich die Politik und nach Herrn Singhammer & Co nun der Bundesminister für Gesundheit Herr Bahr höchstselbst, dem europäischen Wahnsinn - von immerhin 25 von 27 Staaten - entgegen stellt. Doch Spaß beiseite.

Die Energie die sich erst Herr Rösler und dann sein Nachfolger Bahr im FPD-Jahr der Pflege(-planung, da war doch was?!)2011 durch hektische Passivität aufgespart haben, verhilft ihnen jetzt zur zweiten Luft, um die bis zum heutigen Tag verfehlte Pflegepolitik zu verteidigen. Jede Notstandsmeldung der Pflege wird in Deutschland reflektorisch mit der Absenkung der Zugangsvoraussetzungen zur Pflegeausbildung beantwortet. Warum dies noch nie jemand im Zusammenhang mit dem Ärztemangel in Erwägung gezogen hat mag verwundern, wäre dort aber nicht minder abwegig und kontraproduktiv.

Der Tag, an dem die EU die deutsche Pflegepolitik zum Entsetzen der sgn. Gesundheitsexperten aufrollen würde, musste kommen. Jetzt ist es soweit. Es stimmt übrigens nicht, dass die Pflegeausbildung künftig nur noch für Abiturienten möglich sein wird. Die EU-Richtlinie verlangt einen 12jährigen Schulabschluss bzw. dessen Äquivalent, das auf dem dualen Bildungsweg vielfältig erworben werden kann.

All diese Irrwege könnten wir uns ersparen, wenn der Berufsstand der Pflege in Deutschland endlich eine eigenständige Berufskammer und darüber auch entsprechend Sitz und Stimme in den gesundheitspolitischen Entscheidungsgremien erhalten würde, doch auch dies wird die Politik solange sie kann behindern.

Christof Oswald
Gesundheits- und Krankenpfleger
Intensivfachkraft
Dipl. Pflegewirt (FH)


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[23.12.2011, 15:42:57]
Matthias Zischka 
Ein guter Artikel aus der SZ zu diesem Thema
http://www.sueddeutsche.de/65M38P/381079/Krankenpflege-soll-aufgewertet-werden.html zum Beitrag »

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