Ärzte Zeitung, 13.07.2012

Intensivstationen gehen Pflegekräfte aus

Das Pflege-Thermometer steigt in den roten Bereich: Auf den Intensivstationen in den deutschen Krankenhäusern mangelt es an Pflegepersonal. Die Folge: Die Kliniken versuchen, sich gegenseitig die Arbeitnehmer abzuwerben.

Intensivstationen gehen Pflegekräfte aus

Zu wenig Pflegepersonal sorgt für kritische Situation auf deutschen Intensivstationen.

© K-H Krauskopf, Wuppertal

BERLIN (af). Die Personalknappheit in der Pflege kommt auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser an.

Das legen die Ergebnisse des Pflege-Thermometers 2012 des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) nahe.

Dort, wo ein besonderer Pflegepersonalmangel besteht, seien die Risiken für die Patienten hoch, stellen die Autoren der "Bundesweiten Befragung von Leitungskräften zur Situation der Pflege und Patientenversorgung auf Intensivstationen im Krankenhaus" fest.

"Wir waren schon überrascht, wie häufig kritische Zwischenfälle beschrieben worden sind", sagte Projektleiter Professor Michael Isfort vom dip.

Sein Fazit: Es müssten die Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Ausstattung mit Fachpersonal und technischem Gerät konsequent umgesetzt werden.

Es fehlt an Personal

3,5 Prozent der Planstellen seien derzeit nicht besetzt, ermittelte das dip. Kliniken hätten immer öfter Schwierigkeiten, Personal für die Intensivstationen zu finden.

Mehr als 200 der befragten Führungskräfte gaben an, dass ihre Mitarbeiter gezielt von Personalrekrutierern anderer Kliniken angesprochen worden seien.

Befragt haben die Wissenschaftler 535 leitende Pflegekräfte auf Intensivstationen in Deutschland. Unterstützt hat die Arbeit die B.Braun-Stiftung.

Nach der Untersuchung lassen sich Mängel nicht nur in der Angehörigenbetreuung und in der psychosozialen Begleitung der Patienten ausmachen. Betroffen seien auch Kernelemente der Pflegearbeit wie die Überwachung verwirrter Menschen, die Mobilisierung und das Füttern.

Die Hälfte der Befragten wollte bei Medikamentengaben, Hygienemaßnahmen und Verbandswechseln in den sieben Tagen vor dem Interview Fehler nicht ausschließen.

Belastungen nehmen zu

Mehr als zwei Millionen Patienten mit intensivmedizinischer Betreuung verzeichneten die Krankenhäuser im Jahr 2010, rund 150.000 mehr als im Jahr 2002.

Die Mitarbeiter sprechen von zunehmenden Belastungen und Arbeitsverdichtung, die sich auch im Krankenstand widerspiegele.

"Leider werden in Deutschland die Risiken einer schlechten Personalausstattung weitgehend ignoriert", kommentierte Franz Wagner, Vize-Präsident des Deutschen Pflegerates die Ergebnisse der Untersuchung.

In Deutschland seien die Personalschlüssel schlechter als in anderen Ländern. Ohne qualifiziertes Personal auf den Intensivstationen seien keine großen Operationen möglich.

In der Intensivmedizin gehe es darum, den Patienten gemäß festgelegter Qualitätsstandards zu behandeln, sagte ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft der "Ärzte Zeitung". Subjektive Belastungseinschätzungen seien keine für die Patienten relevanten Größen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Durststrecke für Intensivstationen

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So teilt sich die Arbeitszeit von Ärzten auf

Wie viel Zeit bringen Ärzte für GKV-Patienten auf, wie viel für Bürokratie? Wie sind die Unterschiede in Stadt- und Landpraxen und den Fachbereichen? Wir geben Antworten. mehr »

Sepsis – "häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar. Ärzte, Patientenschützer und Politiker fordern jetzt: Die Blutvergiftung muss als Notfall akzeptiert werden. mehr »

"Hacker kommen wie durch eine offene Tür in Arzt-Systeme"

Nehmen niedergelassene Ärzte Gefahren durch Cyber-Angriffe ernst genug? Sie selbst glauben das mehrheitlich. Ein Sicherheitsexperte gießt Wasser in den Wein. mehr »