Ärzte Zeitung, 19.04.2013

Wenig Infos zu Modellprojekten

Datengrab Pflegeheim

Wie ist es um die Versorgung der Menschen in Pflegeheimen bestellt? Forscherinnen haben vorhandene Studien ausgewertet: Das Ergebnis ist desaströs.

Von Ilse Schlingensiepen

Datengrab Pflegeheime

Die Versorgung von Pflegeheim-Bewohnern: Offenbar fehlt die Dokumentatino darüber, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht.

© Klaus Rose

KÖLN. Es gibt viele Modellprojekte zur besseren fachärztlichen Versorgung von Pflegeheimbewohnern, aber über die Ergebnisse ist zu wenig bekannt.

"Es fehlt die Dokumentation darüber, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht", sagt Dr. Dagmar Lühmann vom Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

"Aus den Projekten kann man keine allgemeingültigen Schlüsse ziehen", kritisiert sie.

Von Fehlversorgung und Unterversorgung

Lühmann ist eine der Autorinnen des Health-Technology-Assessment-Berichts "Beschreibung und Bewertung der fachärztlichen Versorgung von Pflegeheimbewohnern in Deutschland" im Auftrag des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information. Dem Bericht liegt eine Literaturrecherche zugrunde.

Weil die Datenlage dort vergleichsweise gut ist, haben die Wissenschaftlerinnen beim Abgleich der Ist-Situation mit Leitlinien besonderes Augenmerk auf Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 und Patienten mit Demenz gelegt.

Nach der Auswertung ist die hausärztliche Versorgung der Heimbewohner angemessen. In einigen Bereichen haben die Autorinnen aber Hinweise auf Defizite gefunden:

› Ungenaue und zu unspezifische Diagnostik demenzieller Erkrankungen

› Unterversorgung von an Alzheimer erkrankten Heimbewohnern mit Antidementiva

› Fehlversorgung in der Verordnung von Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika zur Behandlung neuropsychiatrischer Symptome bei demenziell Erkrankten

› Unterversorgung in der Verordnung von Heilmitteln bei Bewohnern mit Demenz

› Unterversorgung von Heimbewohnern mit Diabetes mellitus mit regelmäßigen augenärztlichen Untersuchungen.

"Mangel an empirischer Evidenz"

Zu diesen Problemen tragen mehrere Faktoren bei, darunter eine nicht fachgerechte Diagnostik und Dokumentation von Erkrankungen oder Gesundheitsproblemen, eine unzureichende Dokumentation von Verordnungen und der Umsetzung dieser Verordnungen sowie eine unzureichende fachliche Kommunikation zwischen den beteiligten Berufsgruppen.

Ob die Defizite durch die unzureichende Einbindung von Fachärzten bedingt sind und inwieweit sie sich negativ auf den Gesundheitszustand der Patienten auswirken, lasse sich anhand der Daten nicht erkennen, betonen die Autorinnen.

"Dieser Bericht zeigt einen Mangel an methodisch aussagekräftiger empirischer Evidenz für die Ableitung von Empfehlungen für die Organisation und Gestaltung der (fach-)ärztlichen Versorgung von Pflegeheimbewohnern in Deutschland", schreiben sie.

Berichtspflicht gefordert

Ihre Hoffnung, die Vielzahl der Modellprojekte könne helfen, die Lücke zu schließen, hat sich nicht erfüllt. "Es gibt viele Stellschrauben, die in den Projekten in Angriff genommen werden, aber man erfährt nicht, was dabei heraus kommt", sagt Lühmann.

Die Forscherinnen halten einen anderen Umgang mit Modellvorhaben für notwendig.

Sie plädieren unter anderem für eine Berichtspflicht bei Projekten, die mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, für die Veröffentlichung von kohärenten und detaillierten Projektbeschreibungen, eine methodisch valide Evaluation für jedes Projekt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Pflicht zur Veröffentlichung

[20.04.2013, 13:33:39]
Dr. Uwe Müller 
überwiegend ein (berufs-) politisches Problem
Es ist nicht angebracht, alles auf die Pflegekräfte abzuschieben. Die Aussstattung unterliegt festen Regeln und meist geben sie ihr Bestes.

Die Unterversorgung mit Antidementiva liegt an der nachvollziehbaren Regressangst der behandelnden Kollegen und ist damit ein Politikum.Gleiches gilt für die Verordnung mit Heilmitteln.

Die Fehlversorgung mit Neuroleptika liegt am mangelhaften Personalschlüssel, der eine intensivere personelle Betreuung nicht zuläßt, ist somit auch ein Politikum aber auch eine Kostenfrage, denn eine bessere personelle Ausstattung erhöht die Heimkosten. Damit erhöht sich dann auch der Betrag , der vom Bewohner zu zahlen ist, denn die Sätze der Pflegekassen sind festgeschrieben.

Regelmäßige augenärztliche Untersuchungen sind bei Pflegefällen kaum praktizierbar. Wie bitte soll ein weitgehend bettlägeriger Patient auf den augenärztlichen Untersuchungsplatz kommen. Das ist schon bei allein rollstuhlpflichtigen Personen ein riesiger Kraftaufwand. Hausbesuche werden von Augenärzten überwiegend nicht gemacht und sind auch wenig effizient.

Es liegt somit bei den angemahnten Defiziten überwiegend an den (berufs-) politischen Rahmenbedingungen, die geändert werden müßten und nicht am Ausbildungsstand und Willen von Pflegekräften und Kollegen, die mit oft tiefem Groll im Herzen den Mangel verwalten müssen.

Dr. Uwe Müller


 zum Beitrag »
[19.04.2013, 13:27:00]
Monika Geissler 
Kein Wunder
Was kann ich auch anderes erwarten, solange jeder in einem 4-Wochen-Kurs zur "Pflegehelfer/in" augebildet werden kann; vielleicht können einige davon noch nicht einmal Deutsch lesen bzw. schreiben.
Mona Geissler zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »