Ärzte Zeitung, 16.07.2013
 

Wie Pflegeheime beurteilen?

Gegenvorschlag zu Pflegenoten

Die MDK-Pflegenoten sind in die Kritik geraten - zu sehr stehe die Dokumentation im Fokus, nicht die tatsächliche Versorgung. Jetzt wird ein alternatives Messverfahren erprobt.

Von Ilse Schlingensiepen

Gegenvorschlag zu Pflegenoten

"Pflegenote 5" - die bisherige Bewertung von Pflegeheimen fokussiert zu wenig auf die tatsächliche Versorgungsqualität, kritisieren Experten.

© blickwinkel / imago

KÖLN. Um die Pflegequalität in Altenheimen zu ermitteln, gibt es bessere Methoden als die Verteilung von Pflegenoten.

Die Arbeit mit ergebnisorientierten Kennzahlen ermöglicht ein realistisches Abbild der tatsächlichen Versorgungssituation und gleichzeitig die Weiterentwicklung der Heime.

Das zeigt das Modellprojekt "Ergebnisqualität Münster - EQ-MS" des Diözesancaritasverbands Münster.

65 Altenheime beteiligen sich

Basis des Projekts sind die "Instrumente zur Beurteilung der Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe", die das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW) und das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik im Auftrag des Bundesgesundheits- und des Bundesfamilienministeriums entwickelt und erprobt hatten.

Ende 2011 haben 41 stationäre Altenpflegeeinrichtungen der Münsteraner Caritas damit begonnen, das Konzept umzusetzen. Inzwischen machen 65 Altenheime mit, darunter auch Häuser anderer Träger.

Zentraler Bestandteil der "EQ-MS" ist die halbjährliche Erhebung der Pflege- und Versorgungsqualität bei jedem einzelnen Bewohner durch ein Indikatoren-Set.

Die Indikatoren erfassen Bereiche wie den Erhalt und die Förderung der Selbstständigkeit oder den Schutz vor gesundheitlichen Schädigungen.

Die Erhebung wird einmal pro Jahr ergänzt durch eine Befragung der Bewohner durch Mitarbeiter anderer Einrichtungen, die Erfassung der Teilnahme an Aktivitäten der Einrichtung und die schriftliche Befragung der Angehörigen.

Qualitäts-Entwicklung und Personal-Entwicklung

Das IPW schult die an dem Projekt beteiligten Mitarbeiter. Außerdem werten die Wissenschaftler die Erhebungsbögen aus und erstellen Qualitätsberichte für die einzelnen Heime. Inzwischen liegen Daten zu 6000 Altenheimbewohnern vor.

Anders als die Benotung der Heime durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) ziele EQ-MS nicht auf die Prüfung der Dokumentationsqualität, sondern auf die Inhalte und Ergebnisse der Pflege, sagt Anne Eckert, Leiterin des Referats Altenhilfe und Sozialstationen beim Caritasverband für die Diözese Münster.

Das biete Einrichtungen die Chance, Schwachstellen zu erkennen und zu beheben - etwa durch Fortbildung. "Das Verfahren dient nicht nur der Qualitäts-Entwicklung, sondern auch der Personal-Entwicklung."

Die Erfahrungen in dem Modellprojekt zeigen nach ihren Angaben, dass die von den Wissenschaftlern entwickelten Instrumente praxistauglich sind. "Es ist machbar, erfordert aber Ressourcen."

Nicht schematisch von außen geprüft

Die Qualitätsberichte seien für die Pflegedienstleitungen zu einem Steuerungsinstrument geworden. "Sie sehen, wo die Einrichtungen im Vergleich zu anderen stehen, wie die eigene Qualität ist."

Ein weiterer Vorteil sei, dass die Pflegenden nicht schematisch von außen geprüft werden, sondern sich konstruktiv mit ihrem eigenen Handeln auseinandersetzen.

Nach Eckerts Einschätzung ist EQ-MS deutlich besser als die MDK-Prüfungen geeignet, die Pflegequalität zu bewerten und zu verbessern. "Das ist ein Projekt, das den Bewohnern und den Mitarbeitern zugutekommt."

Topics
Schlagworte
Pflege (4853)
Organisationen
Uni Bielefeld (157)
Krankheiten
Multiple Sklerose (1142)
Personen
Ilse Schlingensiepen (1684)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »