Ärzte Zeitung, 18.12.2013

Pflege in Thüringen

Ein Pakt ohne Leben?

Konkurrenz aus den Nachbarländern: Viele Pflegekräfte verdienen in Hessen oder Bayern mehr - Thüringen gehen die Fachkräfte aus. Eine Pflegepakt sollte das ändern. Doch bislang gibt es nichts Greifbares.

Von Robert Büssow

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Pflegende Hände: Wann wir der Thüringer Pakt greifen?

© istock / thinkstockphotos.com

ERFURT. Die Bilanz ist durchwachsen: Vor einem Jahr versprachen Politik, Pflegekassen und Pflegeanbieter in Thüringen in einem Pakt für Pflege bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Als einziger Verband blieb der BPA außen vor.

Und daran werde sich vorerst nichts ändern, so Landeschefin Margit Benkenstein: "Es gibt nichts Greifbares, außer einer Imagekampagne, die weiter auf sich warten lässt. Alles, was dort vereinbart wurde, bringt uns nicht weiter. Jede Einrichtung verhandelt die Pflegesätze einzeln. Dafür braucht es Verhandlungsgeschick und keinen Pakt."

Der Abstand bei der Vergütung zwischen den Nachbarländern Hessen und Bayern einerseits und Thüringen andererseits sei gleich groß geblieben. Die Verdienste liegen dort etwa ein Drittel höher.

"Dieses Problem müssen wir lösen, wenn wir das Fachpersonal halten wollen. Nach 23 Jahren deutsche Einheit muss auch für die Pflegebranche gelten, gleicher Lohn für gleiche Arbeit", fordert Benkenstein.

Grund für die bisherige Zurückhaltung der Pflegekassen bei der Anhebung der stationären Pflegesätze ist, dass diese eins zu eins auf die Bewohner umgelegt werden. Die gesetzlichen Pauschalen in den Pflegestufen sind bundesweit fix und wurden seit 1995 nur minimal angehoben.

"Jede Erhöhung der Vergütung für das Heim zahlt nicht die Pflegekasse, sondern der Pflegebedürftige. Das können sich die Menschen im Osten mit ihren niedrigeren Renten nicht länger leisten. Irgendwann ist Schluss. Deshalb müssen die gesetzlichen Pflegepauschalen erhöht werden", fordert Benkenstein.

Kassen wollen Versicherte "nicht übermäßig" belasten

Da sich die Kassen im Pflegepakt verpflichtet haben, die Lage der Beschäftigten zu verbessern, winken sie höhere Pflegesätze in den Verhandlungen mit den Heimen jedoch schneller durch als früher, erklärt die AOK Plus. Bereichsleiter Dirk Zimmermann: "Wir sind natürlich als Anwälte unserer Versicherten dazu angehalten, sie nicht übermäßig zu belasten. Aber Tarifsteigerungen erkennen wir an und preisen sie ein."

Angesichts der niedrigen Renten im Osten sei es jedoch "sachgerecht", die Kosten der Heime nicht vollständig auf Westniveau zu heben.Anders als im stationären Bereich, habe die AOK Plus bei der häuslichen Krankenpflege aus eigener Tasche deutlich aufgestockt.

Die Vergütung sei in diesem Jahr um sieben Prozent auf 88 Millionen Euro gestiegen, erklärt Zimmermann. Bei der AOK Plus sind etwa 70 Prozent der rund 80.000 Pflegebedürftigen in Thüringen versichert.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) verspricht, die 50.000 Euro teure Imagekampagne werde 2014 starten. "Wir wollen außerdem, dass mehr ausländische Fachkräfte nach Thüringen kommen. Wer allerdings glaubt, damit die Löhne drücken zu können, ist auf dem falschen Dampfer", betont sie.

Laut BPA sind derzeit 80 Prozent aller Pflegeanbieter auf der Suche nach Fachkräften. Für Benkenstein führt deshalb kein Weg an mehr ausländischen Fachkräften vorbei.

Das Problem: "Es dauert zu lange, bis ausländische Abschlüsse anerkannt werden. Außerdem wird ein B2-Sprachzertifikat in Thüringen verlangt. Das ist die selbe Voraussetzung wie für ein Germanistikstudium." Anderen Bundesländern reiche das B1-Zertifikat.

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