Ärzte Zeitung, 08.12.2014

Gewalt in der Pflege

Beratung statt Pranger

Gewaltprävention sollte bei den Qualitätsprüfungen in den Kliniken berücksichtigt werden, fordert ein Experte. Dabei gehe es aber nicht darum, Pflegekräfte unter einen Generlaverdacht zu stellen.

BAD NEUENAHR. Das Problem der Gewalt in der Pflege spielt trotz seiner Bedeutung bei den Qualitätsprüfungen in den Pflegeeinrichtungen bislang keine Rolle, beklagt der Vorstandsvorsitzende des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) Dr. Ralf Suhr.

"Die Gewaltprävention ist nicht Teil der Prüfgrundlagen", sagte Suhr beim 3. Jahrestreffen des Prüfdienstes der privaten Krankenversicherer (PKV) in Bad Neuenahr.

Er appellierte an die Prüfer von GKV und PKV, das Thema dennoch immer im Blick zu haben. Die Beratungsgespräche in den Heimen böten dafür einen guten Ansatz.

Es gehe nicht darum, die professionelle Pflege an den Pranger zu stellen, betonte der Mediziner. "Gewalt betrifft alle Sektoren, auch die häusliche Versorgung." Gerade der häusliche Bereich sei bei der Qualitätssicherung "noch völlig unterbelichtet".

Demenzpatienten gefährdet

Demenziell erkrankte Menschen sind eine besonders gefährdete Zielgruppe. Generell zählen psychiatrische Erkrankungen und psychische Probleme sowie herausforderndes Verhalten zu den Risikofaktoren für Gewalt gegen ältere Menschen, sagte Suhr.

Weitere stark wirkende Faktoren sind eine hohe Abhängigkeit des Pflegebedürftigen, eine Überlastung der Pflegenden, eine schon vorher schlechte Beziehung bei der Pflege durch Angehörige und das Fehlen eines sozialen Netzwerks.

Die Pflegebedürftigen können Gewalt in verschiedenen Formen erfahren: als körperliche Misshandlung, psychische oder emotionale Misshandlung, sexualisierte Gewalt, finanzielle Übervorteilung oder Vernachlässigung.

Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation waren 2011 in Europa 2,7 Prozent der älteren Menschen von körperlicher Gewalt betroffen und 19,4 Prozent von psychischer Gewalt. "Die Dunkelziffer ist enorm."

Kaum Studien zur Gewaltprävention

Auch freiheitsentziehende Maßnahmen seien eine Form von Gewalt, selbst wenn sie legitimiert sind, betonte Suhr. Es gebe "robuste Evidenz" dafür, dass solche Maßnahmen durch komplexe Interventionen vermieden werden können, ohne dass die Sturzhäufigkeit in Heimen zunimmt, mehr psychotrope Medikamente benötigt werden oder die (Personal-)Kosten der Einrichtungen steigen.

Mit Ausnahme der freiheitsentziehenden Maßnahmen gibt es kaum Studien zur Gewaltprävention in der Pflege, berichtete er. "Wir brauchen mehr Forschung zu wirksamen Interventionen zur Gewaltprävention sowie zu validen Indikatoren zur Früherkennung von Gewalt."

Suhr setzt auf Aufklärung und Schulung. "Es geht um die Sensibilisierung des Fachpersonals und die Entmarginalisierung des Themas." Es sei entscheidend, Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. "Skandalisierung hilft nichts." Die Präventionsanstrengungen der Ärzteschaft zur Reduzierung der Zahl von Behandlungsfehlern könnten für die Pflege ein Vorbild sein, findet Suhr.

Das von der PKV gegründete ZQP hat unter www.pflege-gewalt.de ein Gewaltpräventionsportal ins Netz gestellt. Das Portal, das Informationen für Pflegebedürftige, pflegende Angehörige und professionell Pflegende bereitstellt, stößt auf eine große Resonanz.

"Wir hatten 10.000 Zugriffe in den ersten beiden Monaten, ohne dass wir das Portal beworben hätten", berichtete er. Die Nutzungsdauer liege bei mehreren Minuten. Das zeige, dass die Inhalte gelesen werden. (iss)

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