Ärzte Zeitung, 27.10.2015

Streit um Generalistik

Die Pflege gehört aufgewertet!

Die Bundesregierung will die drei Pflegeausbildungen in einer Basisqualifizierung zusammenführen. Jetzt ist das Vorgehen ins Stocken geraten. Ein Gesetzentwurf könnte zeigen, dass die Politik noch an ihre ehrgeizigen Ziele glaubt.

Ein Leitartikel von Susannne Werner

Die Pflege gehört aufgewertet!

Schule für Gesundheits- und Krankenpflege: Soll künftig weiter getrennt oder gemeinsam ausgebildet werden?

© Chromorange Ernst / dpa

BERLIN. Mit dem Pflegeberufegesetz will die Bundesregierung die Ausbildungen zur Gesundheits- und Krankenpflege, zur Kinderkrankenpflege und zur Altenpflege in einer Basisqualifizierung zusammenführen. Doch offenbar ist das Vorgehen ins Stocken geraten.

So bezweifelte jüngst Erwin Rüddel, pflegepolitischer Sprecher der CDU, in seinen "Gedanken zum Pflegeberufegesetz", dass das angestrebte Ziel zu erreichen ist. Er empfiehlt das Vorhaben aufzugeben und nochmals grundsätzlich neu zu überlegen.

Die Beteiligten sind auch verunsichert, da bislang nur ein Arbeitsentwurf der verantwortlichen Ministerien vorliegt.

Die erneut ausgelöste Debatte um eine generalistische Pflegeausbildung dreht sich im Kern um die Frage, was unter einer professionellen Pflege zu verstehen ist: Geht es um ein spezielles Fachwissen, das sich am Alter des Pflegebedürftigen oder am jeweiligen Sektor ausrichtet?

Oder gibt es nicht eher Kompetenzen, die alle Pflegefachkräfte benötigen - unabhängig davon ob ein Kind, ein Erwachsener oder ein Senior ihrer professionellen Unterstützung bedarf? Letztere Ansicht vertreten die Befürworter der Generalistik.

Sie sehen in der Pflegeplanung, Koordination, Information und Beratung der Patienten und deren Angehörigen die zentralen Aufgaben von Pflegefachkräften - egal, wo diese eingesetzt werden.

Einzelne Pflegeschulen haben schon umgestellt

Diese Kompetenzen lassen sich in der Tat in einem zusammengeführten Ausbildungsweg vermitteln. Denn eine generalistisch angelegte Pflegeausbildung will nicht die Inhalte von Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege einfach addieren.

Es geht vielmehr um ein neues Lehrkonzept, das die allgemeine, professionelle Pflege von Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen und in unterschiedlichen Settings vermittelt und eine Spezialisierung später anschließt. Vorbild dafür ist das Medizinstudium, das ebenfalls zuerst breit ausbildet. Eine spezifische Qualifikation zum Facharzt folgt danach.

Verschiedene Krankenpflegeschulen haben nach erfolgreichen Modellversuchen ihre Ausbildungsangebote bereits auf die Generalistik umgestellt. Die Wannseeschule in Berlin ist ein Beispiel dafür, aber auch die Akademie des Städtischen Klinikums München.

Letztere schreibt auf ihrer Homepage, dass die Gesundheits- und Krankenpflege mit generalistischem Profil "ein international, anerkannter krisensicherer und faszinierender Beruf" ist. Die Möglichkeiten der späteren Berufstätigkeit seien breit gestreut.

Darum geht es auch den Befürwortern der Generalistik: Sie wollen den Pflegeberuf insgesamt attraktiver machen - durch unterschiedliche Karriereoptionen und die europaweite Anerkennung für deutsche Altenpfleger.

Gegner sehen genau darin die Gefahr. Sie fürchten, dass Altenpflegekräfte abwandern, eben weil sie breit ausgebildet sind und die Arbeit im Krankenhaus attraktiver einschätzen könnten als die in der Altenpflege. Damit taucht eine weitere Kernfrage in der Debatte auf:

Wird die Generalistik die Altenpflege eher aufwerten, eben weil sie breite Kompetenzen vermittelt? Oder geht die Altenpflege dann in der Konkurrenz mit anderen Pflegefeldern erst recht unter - eben weil es ein anderer Bereich ist, eben weil die Pflegebedürftigen in der Regel Menschen am Lebensende sind?

Wer der letzten These nachhängt, läuft Gefahr, die Fürsorge für alte Menschen erst recht abzuqualifizieren anstatt sie aufzuwerten. Es führt also kein Weg daran vorbei, die Argumente für die Generalistik ernst zu nehmen, wenn man die Altenpflege nicht unbewusst ins Abseits schieben will.

Curricula aus Modellversuchen liegen vor

Aber auch die Bedenken der Betreiber von Altenpflegeeinrichtungen müssen gehört werden. Dass sie Sorgen plagen, ob ihr Personal auch morgen noch zur Verfügung steht, ist verständlich. Dies als bloßen Lobbyismus abzuwerten, hilft nicht weiter.

Für viele Beteiligte ist unklar, wie sich die generalisierte Pflegeausbildung in der Praxis konkret umsetzen lässt. Schließlich droht, dass sich die Pflegeausbildung mit einer späteren Spezialisierung deutlich verlängert.

Die Politik ist gefordert, hier Farbe zu bekennen und einen Gesetzentwurf vorzulegen - auch wenn das Vorgehen komplex ist. Zwei Bundesministerien sind beteiligt und verschiedene Ressorts aus 16 Bundesländern sprechen mit. Aber es sind auch vielfache Vorleistungen erbracht.

Im Rahmen der Modellversuche sind in einzelnen Bundesländern bereits Curricula erarbeitet worden - beispielsweise auch in Bayern. Die Gesundheitspolitiker müssen zeigen, dass sie selbst an die Umsetzung ihrer ehrgeizigen Vorhaben glauben.

Die generalistische Ausbildung ist ein erster Schritt, um mit der Aufwertung der Pflege zu beginnen. Viele weitere müssen folgen. Wenn dies die Politik klar signalisiert und Priorität setzt und lebt, wird es auch Skeptiker überzeugen.

[30.10.2015, 16:59:10]
Kurt-Michael Walter 
Verhindern die Beharrungskräfte in der Gesundheitspolitik ein modernes Pflegebildungssystem?

Liest man den Arbeitsentwurf der verantwortlichen Ministerien stellt sich dem Leser unweigerlich die Frage: Will die Politik denn ernsthaft ein modernes Pflegeausbildungssystem entwickeln oder doch nur, wie der Arbeitsentwurf deutlich ausweist, die Fortschreibung des Status Quo mit den notwendig gewordenen EU-Anpassungen. In der Berufsausbildung bleibt also alles beim Alten, einschließlich der Sonderstellung im Berufsausbildungssystem.

Natürlich sind die Beharrungskräfte in Gesundheitswirtschaft und -Politik noch hoch: Will man doch die großen Investitionen der letzten Jahrzehnte so lange wie möglich nutzen. Das bestehende Verteilungs- und Finanzierungssystem nicht verändern damit die Akteure den Zugriff darauf auch weiterhin so großzügig und unkontrolliert nutzen können.

Völlig ungeklärt sind die Fragen wie zu Beispiel: Wohin steuert das öffentlich-rechtliche Gesundheitssystem in den nächsten Jahren.
Welchen Einfluss hat die zunehmend schleichende Privatisierung des Gesundheitssystems auf die Verortung eines zukünftigen Pflege-Bildungssystems.

Ein Weg hin zu einem zukunftsorientierten Gesundheits- und Pflegebildungssystem am Beispiel: Die „Schweizerische Bildungssystematik Gesundheit“ zeigt ein erfolgreiches gesundheitspolitisches Bildungssystem das sich 15 Jahre nach seiner Einführung hervorragend weiterentwickelt und etabliert hat.
Das Konzept „Skill- und Grade-Mix“ beschreibt die personale Zusammensetzung der Teams in Hinblick auf die Pflegeabschlüsse (Grade) und die praktischen Fertigkeiten und Fähigkeiten (Skills), die die einzelnen Teammitglieder in der Arbeit mit den Patientinnen und Patienten in allen Arbeitsfeldern einbringen.

Die WHO erkannte bereits in ihrem Report 2000 (vgl. BUCHAN/DAL POZ 2002), dass die richtige Zusammensetzung in Gesundheits- und Pflegeteams große Veränderungen für die meisten Gesundheits- und Pflegeinstitutionen bzw. das gesamte Gesundheitssystem bedeuten. So hat die neue Bildungssystematik – und der so nötig gewordene Skill- und Grade-Mix – weitreichende Auswirkungen auf die Praxis, auf die Steuerung der Personalrekrutierung und -planung sowie auf die Lenkung der Arbeitsorganisation und nicht zuletzt auf die Aus- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe in der Schweiz.

Fazit: Die Einführung eines durchlässigen Stufen- und Modulsystems einer beruflichen und akademischen Pflegeausbildung würde sich in Deutschland heute schon weitgehend bewerkstelligen lassen. Mit einem solchen Modell würde auf nationaler und europäischer Ebene eine Angleichung geschaffen. Die Politik muss es nur wollen.
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[28.10.2015, 21:56:32]
Ulrike Messerschmied 
Nebelkerze Generalistik
Im Hinblick auf die Herausforderungen des sich seit mindestens 25 Jahren abzeichnenden und immer mehr zur Realität werdenden demographischen Wandels hat sich in Deutschland mit dem Berufsfeld der Altenpflege eine weltweit einzigartiger Kompetenzbereich entwickelt. Mit der Generalistik droht nunmehr die – wenn auch unvollständige – Aufgabe dieser Kompetenz, um die wir übrigens von Ländern mit ähnlich stark alternden Gesellschaften durchaus beneidet werden.
Dass insbesondere die Altenpflege bis heute politisch nicht die Wertschätzung erfährt, die sie verdient, ist mindestens so erbärmlich, wie der Irrglaube, dass die Nebelkerze der Generalistik zu einer ersten Aufwertung des Pflegeberufes im Gesamten führt.

Eine echte Aufwertung wäre vielmehr durch verbesserte Rahmenbedingungen zu erreichen, insbesondere:
1. eine deutlich verbesserte finanzielle Ausstattung professioneller Pflegeanbieter jedes Sektors im Hinblick auf leistungsgerechtere Löhne, bedarfsgerechtere Personalschlüssel und eine fachgerechtere Praxisanleitung von Auszubildenden,
2. die rechtliche Anerkennung von Pflege als eigenständige Profession mit geeigneten Anordnungskompetenzen sowie ein
3. ein Mehr an Mitspracherecht der Pflege auf höchsten politischen Entscheidungsebenen.

Die für die Generalistik aufzubringenden finanziellen Mittel wären in Punkt 1 deutlich besser investiert. Eine Abwanderung aus der Altenpflege ist übrigens nicht – wie von Frau Werner vermutet – zu erwarten, weil die Arbeitsbedingungen im Krankenhaussektor soviel besser sind. Hier wird lediglich durchgehend besser bezahlt als in der Altenpflege.
Punkt 2 findet bedauerlicherweise weder im Artikel von Frau Werner noch in den Diskussionen um die aktuelle Pflegereform statt.
Und für Punkt 3 fehlt es der Vielzahl der Berufsverbände professioneller Pflege an dem für eine Durchsetzung dringend notwendigen Mindestkonsens.

So gesehen hat Frau Werner recht: Viele weitere Schritte müssen folgen. Die Generalistik gehört jedoch ganz sicher nicht dazu. Wenn dies die Politik klar signalisiert und statt dessen die Priorität auf oben genannte Kriterien ausrichtet, wird sie vor allem diejenigen überzeugen, die noch immer gern in der Pflege arbeiten und allmählich die Nase voll davon haben, einmal mehr durch pflegepolitische Irrläufer alles andere als gestärkt zu werden. zum Beitrag »
[27.10.2015, 17:28:07]
Bernd Bogert 
Pflegenotstand programmiert
Warum versucht man krampfhaft aus drei Ausbildungen eine Ausbildung zu machen, im Wissen, dass die Absolventen nach der dreijährigen Ausbildung nur begrenzt einsetzbar sind. Eine Spezialisierung, die dazu führt, dass die Pflegefachkraft dann tatsächlich in ihrem Arbeitsgebiet voll einsetzbar ist, soll danach erfolgen. Für wen soll das attraktiver sein? Und diejenigen, die sich das antun, nach Möglichkeit mit Abitur, sollen dann weiter in den bisherigen miesen Gehaltsstrukturen ihr Geld verdienen. Bereits jetzt kann jede Pflegefachkraft überall arbeiten und bekommt den roten Teppich ausgerollt, außer vielleicht als exam. Altenpfleger im restlichen Europa. Vielleicht ist das gut so, denn sonst würden noch mehr Pflegefachkräfte dahin gehen, wo es entschieden bessere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten gibt, wie z.B. in England, Dänemark, Schweden, Holland usw. usw. Deutschland befindet sich auf dem Level eines Entwicklungslandes, was die Altenpflege angeht. Pflegefachkräften z.B. aus Spanien kann man unsere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege lt. einer Meldung dpa nicht zumuten. Dem ist nicht hinzuzufügen.
Wenn sich also die "Generalisten" durchsetzen, dann wird dies dazu führen, dass sich die Menschen mit Pflegebedarf zukünftig selbst pflegen müssen oder unversorgt bleiben. Aber vielleicht ist das ja politisch gewollt, angesichts der demografischen Entwicklung.  zum Beitrag »

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