Ärzte Zeitung, 20.11.2015

Pflege

Belastung in der Nachtwache ist hoch

Obwohl die Arbeitsbelastung bei der Nachtwache in Pflegeheimen groß ist, sind die Mitarbeiter tendenziell zufrieden. Eine Wissenschaftlerin bemängelt allerdings auch Pflegedefizite.

Von Christian Beneker

WITTEN / HERDECKE. Die Arbeitsbelastung der Nachtwachen in Deutschlands Pflegeheimen ist hoch, trotzdem sind die Mitarbeiter tendenziell eher zufrieden.

Unter anderem dieses überraschende Ergebnis zeigt die Studie "Nacht in der Pflege" von Professor Dr. Christel Bienstein, Departmentleiterin Pflegewissenschaft an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke.

Eigentlich sei die Nachtpflege eine "Black Box", sagt Bienstein der "Ärzte Zeitung". Ihre Befragung von Nachtwachen sollte nun erstmals Licht ins Dunkel bringen.

Nicht mal zwölf Minuten Zeit pro Bewohner

Danach sind die Nachtkräfte für durchschnittlich 51,6 Bewohner verantwortlich, und sie versorgen pro Nacht im Schnitt 40,3 Bewohner, so der Ergebnisbericht der Studie - rein rechnerisch bleiben damit in einer Zehn-Stunden-Schicht pro Bewohner nicht einmal zwölf Minuten Zeit.

Die Befragten nannten denn auch "fehlende Zeit und zu wenig Personal als führende Belastung im Dienst". Die Folge: "In durchschnittlich jeder zweiten Schicht können einzelne Bewohner nicht versorgt werden." Pausen indessen gab es für ein Viertel der Befragten Nachtwachen selten oder nie.

Bienstein fordert deshalb mehr Personal und mehr Pausen in den Nachtdiensten. Trotz der angespannten Situation sind die Nachtwachen laut Studie mit ihrer Arbeit zufrieden. Wie ist das zu erklären?

Fast 35 Prozent schätzen zum Beispiel den besseren Bewohnerkontakt in den Nachtschichten. Viele bevorzugen auch die eigenen Zeiteinteilung und die autonome Arbeit in der Nachtwache.

Fehlanzeige bei Fallbesprechungen

"Das Alleinarbeiten würden wir aber nicht so begrüßen", sagt dazu Bienstein. "Denn da entzieht man sich Gesprächen und Beobachtungen." So gebe es fast nirgends Fallbesprechungen, an denen auch die Nachtwachen beteiligt werden.

Die meisten Befragten nutzten bei der Studie kaum die Möglichkeit, im Freitext des Fragebogens eigene Wünsche und Vorschläge zu formulieren. "Es wurde wenig beschrieben, was sie noch gerne hätten tun wollen", sagt Bienstein.

"Da gab es zum Beispiel keine Idee, wie man eine Nachtgruppe hätte aufbauen können für die unruhigen Bewohner. Es scheint im Nachtdienst nicht ein zu tiefes Verständnis von qualitativer Pflege zu geben."

Potenzielle Folgen dieses Mangels seien möglicherweise Dekubiti oder fehlendes Schmerzmanagement, meint Bienstein. "Es gibt nachts Schmerzproblematiken, die nicht entdeckt werden und dann am Morgen dazu führen, dass die Bewohner ins Krankenhaus eingewiesen werden." Bienstein fordert deshalb außer mehr Personal auch Qualitätsprofile für die Nachtschichten.

Der Ergebnisbericht ist hier im Internet abrufbar.

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