Ärzte Zeitung, 04.04.2016

Häusliche Pflege

Zuschuss wäre großer Anreiz

Geld vom Staat würde die Bereitschaft zur häuslichen Pflege befeuern. Das hat eine aktuelle Umfrage ergeben. Um zu sparen, würden sich viele alte Menschen zur Pflege auch im Ausland betreuen lassen. Dabei gilt es Fallstricke zu beachten.

Von Anno Fricke

Zuschuss wäre großer Anreiz

Auf die Frage: "Wie viel Geld müsste Ihnen monatlich gezahlt werden, damit Sie einen Angehörigen selbst pfelgen würden?" antworteten satte 40 Prozent: "500 Euro und mehr."

BERLIN. Ein monatlicher Zuschuss würde drei Viertel der Menschen in Deutschland dazu motivieren, nahe Angehörige selbst zu pflegen. Knapp die Hälfte der Bundesbürger kann sich zudem vorstellen, Angehörige im Ausland pflegen zu lassen.

Das geht aus einer Umfrage der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) zur Zukunft der Pflege hervor, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt. PwC hatte im vergangenen November mehr als 1000 Menschen dazu befragt.

Demnach würden gut ein Drittel der Befragten einen Zuschuss des Staates oder einer Versicherung von zwischen 250 und 500 Euro im Monat als Anreiz sehen, Angehörige bei sich aufzunehmen und zu pflegen.

Bei einer deutlichen Mehrheit ist das Anspruchsdenken sogar noch ausgeprägter. 40 Prozent hielten 500 Euro und mehr im Monat als Ausgleich für die Pflege von Angehörigen für angemessener.

Zwei Drittel der Befragten äußerten die Meinung, nicht die Angehörigen, sondern der Staat sei dafür verantwortlich, dass jeder Mensch, der pflegebedürftig werde, eine entsprechende Pflege erhalte.

Geld ist nicht alles

Anders als bei der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es bei der Pflege kein Vollkasko-Prinzip. Das heißt: Die Soziale Pflegeversicherung in Deutschland übernimmt nur einen Teil der durch die Pflegebedürftigkeit ausgelösten Kosten.

Rund 2,7 Millionen Menschen beziehen derzeit Leistungen aus der Pflegeversicherung. Rund 70 Prozent der Bedürftigen wird zu Hause gepflegt, 30 Prozent bewohnen ein Heim.

Es ist nicht in erster Linie das Geld, das Menschen abhält, sich bei der Pflege ihnen nahe stehender Menschen zu engagieren. Als Haupthürden nannten die Befragten Platzmangel (55 Prozent) und die Sorge vor emotionaler Überforderung 53 Prozent). Finanzielle Gründe folgten erst auf Platz drei mit 47 Prozent.

Mit den seit 2015 geltenden Pflegestärkungsgesetzen hat die schwarz-rote Koalition die Lage pflegender Angehöriger verbessert. Sie haben nun Anspruch darauf, sich auf Kosten der Pflegeversicherung bis zu sechs Wochen im Jahr vertreten zu lassen. Zudem sollen die Angebote der Tages- und Nachtpflege kontinuierlich ausgebaut werden.

Bis zu 4000 Euro gibt es, wenn die Wohnung pflegegerecht umgebaut werden soll.

Polen und Spanien hoch im Kurs

Knapp die Hälfte der Bundesbürger kann sich vorstellen, Angehörige im Ausland pflegen zu lassen. Voraussetzung wäre laut der Befragung von PwC, dass sich dadurch 1000 Euro bei den Pflegekosten sparen ließen.

Immerhin 20 Prozent der Befragten würde als weitere Voraussetzung einen medizinischen Standard vergleichbar dem in Deutschland und deutschsprachiges Personal fordern.

Zudem sollten regelmäßige Besuche möglich sein. Polen und Spanien scheinen jeweils 34 Prozent der Befragten dafür geeignet - vier Prozent können sich China, zwei Prozent sogar Zentralafrika vorstellen.

Leistungen der Sozialversicherer lassen sich nicht so einfach exportieren. Mitnehmen lasse sich nur das Pflegegeld, aber nur in Staaten, mit denen Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen unterhalte, heißt es beim GKV-Spitzenverband.

Die fast doppelt so hohen Ansprüche auf Sachleistungen, also Grundpflege und hauswirtschaftliche Hilfen, der Pflegeversicherung gibt es nur innerhalb der deutschen Grenzen.

Der Europäische Gerichtshof hat bereits 2012 klargestellt, dass kein Anspruch darauf bestehe, dass der Wechsel in ein anderes Land der Union bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit kostenneutral ausfallen müsse.

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