Ärzte Zeitung online, 24.11.2016
 

Ambulant oder stationär

Ist die Pflege eine Frage der Postleitzahl?

Ob ambulant oder stationär gepflegt wird, hängt nicht nur von rein medizinischen Fakten ab - sondern auch von der Versorgung im jeweiligen Bundesland. Dabei zeig der aktuelle Pflegereport der Barmer GEK massive regionale Unterschiede.

Von Susanne Werner

Ist die Pflege eine Frage der Postleitzahl?

Große regionale Unterschiede: 40,5 Prozent der Pflegebedürftigen in Schleswig-Holstein werden stationär versorgt, in Brandenburg nur 29.1 Prozent.

© AOK-Mediendienst

BERLIN. In der pflegerischen Versorgung gibt es massive regionale Unterschiede. Das geht aus dem aktuellen Report der Barmer GEK hervor. Spitzenreiter ist demnach Schleswig-Holstein, das rund 49 Heimplätzen auf 100 Pflegebedürftige vorhält. Bayern folgt auf Platz zwei mit rund 40 Plätzen auf 100 Pflegebedürftige.

In den Stadtstaaten sowie im Osten Deutschlands wird hingegen vorwiegend ambulant gepflegt. Berlin führt mit 14,3 ambulant-arbeitenden Pflegekräften auf 100 Pflegebedürftige, gefolgt von Hamburg (13,2) und Bremen (11,5), Sachsen (11,2) und Brandenburg (10,5). "Offenbar hängt die Form der Versorgung auch von der Postleitzahl ab", sagte Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen am Donnerstag in Berlin.

Ungleiche Verteilung

Die Ursache für die ungleiche Verteilung sieht Straub weniger im medizinisch-pflegerischen Bedarf der Betroffenen, sondern vielmehr in den vorhandenen Angeboten vor Ort. 40,5 Prozent der Pflegebedürftigen in Schleswig-Holstein werden stationär versorgt. Das nördlichste Bundesland liegt damit weit über dem Bundesdurchschnitt von 29,1 Prozent.

Weit darunter liegt der Wert in Brandenburg. 22,9 Prozent der Pflegebedürftigen sind dort in Heimen untergebracht.

Neben den Angebotsstrukturen, so Straub, beeinflussen auch die Höhe des Einkommens sowie der Familienzusammenhalt die Wahl der Pflege. Menschen mit geringen Einkommen würden sich eher für die ambulante Form entscheiden, um die hohen privaten Zuzahlungen für einen Heimplatz zu vermeiden.

Stabiler Familien- und Freundeskreis macht einen Unterschied

Auch sinke die Wahrscheinlichkeit für eine Heimpflege, wenn ein "stabiles Netzwerk aus Familie und Freunden" bereitstehe. Dies ist am häufigsten in Hessen und Rheinland-Pfalz der Fall. Etwa jeder zweite Pflegebedürftige wird dort allein von seinen Angehörigen gepflegt.

Laut Report wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Zukunft auch unterschiedlich stark ansteigen.

Berlin führt in Hochrechnungen für das Jahr 2060 mit einer Zuwachsrate von 92 Prozent, Bayern und Baden-Württemberg folgen mit 88 und 86 Prozent. Die geringsten Raten ergeben sich demnach für Sachsen-Anhalt mit 19 Prozent und in Thüringen mit 27 Prozent. Der Anteil der Hochbetagten wird sich dabei deutlich erhöhen. So werden laut Report drei von vier pflegebedürftigen Männern bis zum Jahr 2060 mindestens 80 Jahre alt sein.

Schlechte Karten für Brandenburg

"Versorgungsprobleme werden sich dann insbesondere in Großstädten wie Berlin oder München zeigen", sagte Studienleiter Heinz Rothgang, Professor an der Uni Bremen. Er erwartet, dass 2030 rund 350 000 Beschäftigte bundesweit in der Pflege fehlen werden. Am stärksten betroffen wird danach Brandenburg mit einer relativen Versorgungslücke von 75 Prozent verglichen mit der heutigen Beschäftigtenzahl sein.

Der Pflegeexperte hatte für den Report auch die Folgekosten der aktuellen Pflegereform hochgerechnet. Allein für das Pflegestärkungsgesetz II summieren sich die Mehrausgaben im kommenden Jahr demnach auf rund 7,2 Milliarden Euro und reduzieren die Rücklagen in der Pflegeversicherung um mehr als drei Milliarden Euro.

"Das Pflegestärkungsgesetz ist ein großzügiges, aber auch sehr teures Gesetz", sagte Rothgang. Er schätzt, dass ohne eine Erhöhung der Beiträge zur Pflegeversicherung die Mehrausgaben nur etwa zwei bis drei Jahre zu stemmen sein werden.

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