Ärzte Zeitung online, 19.09.2017
 

Helfende Hand gefragt

Demenzbegleiter entlasten Angehörige und Ärzte

Erkrankt jemand an Demenz, ist das für Angehörige eine Herausforderung. Ehrenamtliche Demenzbegleiter unterstützen sie bei der Pflege. Und auch in der gesundheitlichen Versorgung spielen sie mitunter eine Schlüsselrolle.

Von Kristin Kruthaup

Demenzbegleiter entlasten Angehörige und Ärzte

Ein Lächeln, Nähe, Begleitung zum Arztgespräch: Hilfe durch Demenzbegleiter kann viele Facetten haben.

© Philipp Schumann / dpa

Die Ausbildung zur Demenzbegleiterin ist für Maria Elbers (65) eine letzte Ehrung ihres Vaters. Vor drei Jahren ist er mit 98 Jahren schwer an Demenz erkrankt verstorben. "Ich habe im Nachhinein das Gefühl, dass ich ihm nicht gerecht worden bin", sagt sie. Oft sei sie ungeduldig mit seiner Vergesslichkeit gewesen. Auch um die Erkrankung ihres Vaters im Nachhinein besser zu verstehen, macht die Rentnerin nun den Kurs. "Das, was ich meinem Vater nicht geben konnte, will ich jetzt anderen geben", sagt sie.

Elbers ist eine von 20 Teilnehmern in der Ausbildung zur ehrenamtlichen Demenzbegleiterin bei den Maltesern in Münster. Die Ausbildung dauert 55 Unterrichtseinheiten und kostet zur Zeit 200 Euro. In dem Kurs lernen sie etwa die verschiedenen Demenzformen und die typischen Symptome kennen. Später sollen sie als Ehrenamtliche zum Beispiel in einem Demenz-Café der Malteser zum Einsatz kommen. Aber auch Angehörige können zum besseren Verständnis der Krankheit den Kurs machen. "Der Kurs war sofort voll", sagt Ruth Schräder von den Maltesern im Bistum Münster.

Drei Millionen Erkrankte 2050?

Derzeit sind nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt. "Wegen der höheren Lebenserwartung werden es immer mehr", sagt Geschäftsführerin Sabine Jansen. Im Jahr 2050 gehe man von drei Millionen an Demenz Erkrankten in Deutschland aus. "Die ehrenamtlichen Helfer haben in der Pflege eine große Bedeutung", sagt Jansen. Gerade im Anfangsstadium der Demenz seien sie für die Angehörigen oft ein gutes Angebot, um diese zumindest für kurze Zeit zu entlasten. Das betont auch Simon Eggert vom Zentrum für Qualität in der Pflege: Freiwillige spielten "mittlerweile oft eine wichtige Rolle". Wichtig sei allerdings, dass sie gut geschult werden und nicht als preiswerte Hilfskräfte in der Versorgung falsch verstanden würden. Wie viele ehrenamtliche Helfer es gibt, ist unklar.

Für die Familien der Erkrankten ist die Pflege eine Herausforderung: "Demenz bedeutet für die Angehörigen immer, wenn man die Pflege übernimmt, sein Leben umzukrempeln", sagt Schräder. Nach Schätzungen der Alzheimer Gesellschaft werden etwa zwei Drittel der Betroffenen zu Hause gepflegt.

Doch nicht nur in den eigenen vier Wänden, auch bei Arzt- oder Klinikbesuch können Demenzbegleiter entlasten. Kliniken in der gesamten Republik – von Hamburg über Ludwigshafen bis nach Nürnberg – setzen bereits auf Demenzbegleiter im Krankenhaus. "Bei einem Krankenhausaufenthalt erfordert die Demenz als Begleiterkrankung mitunter mehr Aufmerksamkeit und Hinwendung als die Erkrankung, die zur Aufnahme im Krankenhaus führte", heißt es beim bayerischen Modellprojekt, das ehrenamtliche Helfer gezielt von Dozenten aus dem Klinikum Nürnberg schulen lässt.

Im Klinikalltag geht es über die reine "Alltagsbetreuung" hinaus auch um medizinische und pflegerische Sachverhalte: die Begleitung zu Untersuchungen etwa, die Teilnahme an Visiten oder die Anwesenheit bei den Mahlzeiten, um leichte Unterstützung geben zu können und das Pflegepersonal zu entlasten. In Rheinland-Pfalz, wo das Projekt 2014 am Ludwigshafener Klinikum startete, sind die Demenzbegleiter daher fester Teil eines Stationsteams.

"Das hilft den Patienten und entlastet die Klinik und die Mitarbeiter", bilanzierte im Norden der Geschäftsführer des Hamburger Albertinen-Krankenhauses, Ralf Zastrau, nach drei Jahren Projektzeit.

Krankheit und Symptome verstehen lernen

Im Demenzbegleiter-Kurs lernen Angehörige wie Maria Elbers, aber auch professionelle Pflegekräfte den Umgang mit Erkrankten. Das kann viele Facetten haben: Für die Familien sei es schwer auszuhalten, dass das "Ich" einer geliebten Person langsam verschwinde, erklärt Andreas Kortüm, Leiter des Kurses in Münster. Einfacher werde es, wenn sie die Krankheit und ihre typischen Symptome kennen und verstehen. In seinem Kurs lernen die Teilnehmer etwa, dass es wichtig ist, nachweislich falsche Antworten zu akzeptieren. Widerspruch sorge nur für weitere Verwirrung. Familien sollten sich auch nicht scheuen, sich früh Hilfe von außen zu holen.

Elbers hat bei ihrem ersten Gespräch mit Dozent Kortüm viel Neues über Demenz gelernt. Eins hat sie intuitiv richtig gemacht: Man soll mit dem Erkrankten darüber reden, was sie noch wissen, statt sie auf ihre Gedächtnislücken hinzuweisen. Als ihr Vater am Ende im Heim lebt, war er oft niedergeschlagen. Sie hat dann versucht, ihn mit Geschichten von früher abzulenken. "Vieles aus der Gegenwart hatte er vergessen", sagte sie. "Wie die Moorlichter aussahen, wenn er als Kind mit zur Jagd war, konnte er aber genau schildern." (dpa, Mitarbeit jk)

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