Ärzte Zeitung, 17.11.2017
 

Türkische Demenz-Patienten

Familie als Hort der Sicherheit

Eine Demenz-Selbsthilfegruppe von Angehörigen türkischstämmiger Menschen im Ruhrgebiet findet starken Zulauf.

Von Christian Beneker

GELSENKIRCHEN. In Gelsenkirchen trifft sich einmal im Monat die wohl einzige Selbsthilfegruppe von Angehörigen türkischstämmiger demenziell erkrankter Menschen.

Im Jahr 2015 war klar, der Bedarf ist da, erklärt Ayse Kus vom Demenzservice-Zentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte der AWO Gelsenkirchen. Kus betreut die Selbsthilfegruppe.

Es geht in den Treffen der rund 15-köpfigen Gruppe in erster Linie um den Erfahrungsaustausch in der Muttersprache: Woher bekommt man Unterstützung? Woher kommt im Zweifel Rechtshilfe? Wie sieht es aus mit dem Pflegegeld? Welche ambulanten Pflegedienste sind empfehlenswert für die alt gewordenen Migranten? Aber das Wichtigste sei, sich in der Muttersprache über das sehr emotionale Thema der Demenz bei Angehörigen austauschen zu können, sagt Kus. "Es geht immer um die Gefühle und über Gefühle kann man eben in der Muttersprache besser sprechen."

Inzwischen ist die Gruppe auch über WhatsApp verbunden und kann auch dann in Kontakt bleiben, wenn der kranke Angehörige dazu zwingt, zu Hause zu bleiben. "Kürzlich diskutierten die Mitglieder über WhatsApp den Nutzen von Demenzmatratzen."

Tatsächlich bleiben die türkischstämmigen Angehörigen lieber unter sich, weil sie Sprache und Kultur teilen.

So sei es für eine türkische Familie selbstverständlich, dass die demenziell erkrankten Eltern zu Hause von der Familie gepflegt werden. Der soziale Druck, aber auch die religiösen Überzeugungen der Familien lassen oft nicht zu, die Erkrankten in einem Heim pflegen zu lassen.

"Die Familien geben ihre Angehörigen ungern in ein Heim. Abgesehen davon gibt es auch nur wenige Heime, die sich besonders um türkischstämmige Pflegepatienten oder andere Migranten kümmern", sagt Kus. Am Schluss sei es wie in vielen deutschen Familien auch: Die Verantwortung für die Pflege liegt oft auf den Schultern einer einzelnen Person.

Was auch eine Selbsthilfegruppe nicht ändern kann: die langen Wege zu den rar gesäten Türkisch sprechenden Fachärzten. "Gerade für die Anfangsdiagnostik sind die Sprachkenntnisse der Ärzte enorm wichtig", betont Kus.

Die Folgen sind für Angehörige zeitaufwändig. Sie müssen mit den Patienten zum Teil 30 Kilometer weit fahren, um einen Türkisch sprechenden Neurologen aufzusuchen.

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