Ärzte Zeitung online, 01.11.2018

16. Gesundheitspflege-Kongress

Delir-Screening fehlt oft

Beim 16. Gesundheitspflege-Kongress bilden ab diesem Freitag alte Patienten im Krankenhaus einen Fokus der Vorträge und Debatten.

HAMBURG. Ein Klinikaufenthalt ist ein Risiko für alte Menschen. Konnten die Senioren vor der Einweisung noch selbstständig leben, kann es durchaus sein, dass sie als Pflegefall entlassen werden. „Vielen alten Menschen fällt es schwer, sich an die neue Umgebung im Krankenhaus anzupassen“, erläutert Professor Uta Gaidys von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg.

„Sie sind besonders vulnerabel, etwa weil sie unter chronischen Erkrankungen leiden, mehrere Medikamente einnehmen, Orientierungsprobleme oder Seh-, Hör- oder Sprachschwierigkeiten haben.“ Der ältere Patient im Akutkrankenhaus ist ein Schwerpunkt-Thema auf dem 16. Gesundheitspflege-Kongress, der an diesem Freitag in Hamburg eröffnet wird.

Veranstalter des zweitägigen Kongresses ist Springer Pflege – in Kooperation mit der HAW, dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und den großen Kliniken aus der Region.

Hochaltrige Menschen sind vor allem gefährdet, bei einem Krankenhausaufenthalt ein Delir zu entwickeln – eine Verwirrtheit, die oft nicht nur vorübergehend ist, sondern anhält. Nach einer Routineoperation einer hüftgelenksnahen Fraktur etwa hat das postoperative Delir bei über 65-Jährigen immerhin eine Prävalenz von 44 bis 61 Prozent. Doch ein routinemäßiges Delir-Screening und -management ist noch längst nicht in allen Kliniken etabliert.

„Gerade erfahrene Pflegende sind hier gefragt, um ein Delir festzustellen und während des Klinikaufenthalts Orientierung zu bieten“, betont Gaidys. Dafür fehlt es oft nicht nur an Personal, sondern auch an Abrechnungsmöglichkeiten für diese zeitintensive Tätigkeit.

Die Pflegewissenschaftlerin weist darauf hin, dass an dieser Stelle der Pflegekomplexmaßnahmen-Score zum Zug kommen kann – ein Instrument, um hochkomplexe Pflegemaßnahmen über die Fallpauschalen vergüten zu können. „Das müssten Pflegekräfte allerdings stärker einfordern“, sagt Gaidys.

Ähnliches gelte zum Beispiel auch in den Bereichen Mobilisierung oder Essenreichen: „Originär pflegerische Aufgaben werden hier oftmals an die Physiotherapeuten oder externe Firmen abgegeben“, so Gaidys. Auch die Überprüfung der Medikation verschwinde immer mehr aus dem pflegerischen Berufsalltag.

„Doch gerade bei alten Menschen sind Pflegekräfte eine wichtige Kontrollinstanz, um Nebenwirkungen zu beobachten, Wirkungen von Tabletten zu erläutern und eine medikamentöse Fixierung etwa durch Benzodiazepine zu vermeiden.“

Die Pflegeprofessorin fordert Krankenhäuser und Pflegekräfte dazu auf, die Komplexität patientennaher Aufgaben gerade in der Versorgung alter Patienten wahrzunehmen und sichtbar zu machen. (an)

Weitere Informationen und Anmeldung zum Kongress: Andrea Tauchert, Tel. 030/82787-5513, info@gesundheitskongresse.de, www.gesundheitskongresse.de

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