Ärzte Zeitung online, 15.11.2018

DAK-Pflegereport 2018

Das denken die Bürger über die Pflege

Der DAK-Pflegereport deckt auf, was Bundesbürger über die Situation in der Pflege denken. Während die Fachkräfte ein hohes Ansehen genießen, haben Pflegeheime ein schlechtes Image.

Von Helmut Laschet

Politik räumt der Pflege nicht den nötigen Stellenwert ein

Es gibt nicht genügend Pflegekräfte, sagten 88 Prozent der Befragten.

© Jochen Tack / AOK-Mediendienst

BERLIN. Erhebliche Defizite und Ungleichheiten in der Pflegeversorgung konstatiert der DAK-Pflegereport 2018.

Er basiert auf einer Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Juni 2018, einer Analyse von DAK-Routinedaten sowie einer qualitativen Infrastrukturanalyse in vier Landkreisen.

Die meisten Deutschen kennen die Altenpflege aus eigener Anschauung: 35 Prozent als Pflegebedürftige, Pflegende oder aus beruflichem/ehrenamtlichem Engagement, weitere 45 Prozent, die Pflege in der Familie oder Bekanntenkreis erleben oder erlebt haben.

Die Problemwahrnehmung hat sich im Zeitablauf verschärft: Es gibt nicht genug Fachkräfte, sagen aktuell 88 Prozent, im Jahr 2000 waren es erst 69 Prozent. Die Bezahlung der Pflegekräfte sei schlecht, glauben heute 85 Prozent (siehe nachfolgende Grafik), im Jahr 2000 waren es 53 Prozent.

Jeweils über 90 Prozent derjenigen, die Pflege aus eigener Anschauung kennen, halten die Pflegekräfte für überlastet und glauben, sie hätten zu wenig Zeit. Aber 76 Prozent (70 Prozent der Gesamtbevölkerung) zollen den Pflegekräften hohe Anerkennung für ihr Engagement.

Pflegeheime haben schlechtes Image

Während den Pflegekräften großes Vertrauen entgegengebracht wird, haben die Institutionen wie Pflegeheime ein schlechtes Image: Sie seien zu teuer (87 Prozent), man könne sich keinen Pflegedienst und kein Heim leisten (70 Prozent), wer ins Pflegeheim komme, werde zum Sozialfall (61 Prozent), es sei schwierig, einen Pflegegrad zu bekommen (54 Prozent).

Die Werte bei denjenigen, die unmittelbare Erfahrung mit Pflege haben, sind um bis zu vier Prozentpunkte schlechter. Über 40 Prozent sind der Meinung, Heimen und Pflegediensten gehe es primär darum, Geld zu verdienen.

Das Urteil über die Pflegequalität ist vernichtend: 56 Prozent der Bevölkerung (58 Prozent der Involvierten) halten die Pflege für oft lieblos, 40 bzw. 44 Prozent bewerten die Behandlung von Pflegebedürftigen als schlecht. Nur etwa ein Viertel sieht eine in der Regel gute Versorgung und einen respektvollen Umgang mit den Pflegebedürftigen.

Ein vernichtendes Urteil stellt die Bevölkerung dem Gesetzgeber aus: 2014, jenem Jahr, in dem die Gesetzgebungsverfahren für die Pflegestärkungsgesetze liefen, waren 45 Prozent der Meinung, die Pflege habe den richtigen politischen Stellenwert und nur 38 Prozent meinten, die Politik müsse mehr tun.

2018, fast zwei Jahre nach Inkrafttreten der Pflegestärkungsgesetze, zeigt sich, dass sie ohne Performance geblieben sind: Nur sieben Prozent der Bevölkerung glauben, dass die Pflege einen angemessenen Stellenwert hat, 84 Prozent meinen, die Politik müsse mehr tun. Die Umfrage fand wenige Tage vor Beginn der „Konzertierten Aktion Pflege“ statt.

Dikussion um Pflege-Finanzierung entbrannt

In einem Punkt kann sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bestätigt sehen: 68 Prozent der Bevölkerung wünschen sich eine stärkere Absicherung der Pflegekosten durch die Pflegeversicherung, auch wenn dies mit höheren Beiträgen verbunden ist.

Erst vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung beschlossen, den Pflegebeitrag zum 1. Januar 2019 um 0,5 Prozentpunkte anzuheben.

Spahn schob kürzlich eine neue Idee nach. Der Gesundheitsminister will, dass Kinderlose einen höheren Pflege-Beitrag bezahlen. Die Bundesfamilienministerin ist dagegen.

DAK-Chef Andreas Storm schlug vor, den Eigenanteil für die Pflege im Heim zu deckeln. Das hat eine neue Debatte über die Finanzierung der Pflege entfacht.

Ungleichheit in der Versorgung

Eine Auswertung der Routinedaten der 144.000 pflegebedürftigen Versicherten der DAK zeigt eine krasse regionale, auch kleinteilige Ungleichheit der Versorgung und des Versorgungsangebots.

Der Anteil der Pflegebedürftigen mit teilstationärer Pflege schwankt extrem zwischen 0,2 und 7,3 Prozent, gemessen jeweils auf Landkreis-/Stadtebene. Überdurchschnittlich schneiden Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ab.

Auffällig ist die regionale Verteilung der Krankenhausfälle: mit 140 bis 324 Fällen je hundert Pflegebedürftiger liegen die Landkreise in den östlichen Bundesländern (mit Ausnahme Sachsens) sowie Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen teils deutlich über dem Durchschnitt von 125.

Die Konsequenz: Die GKV-Kosten je Pflegebedürftigem liegen in den neuen Bundesländern um mehr als 15.000 Euro über dem Durchschnitt von 13.500 Euro.

Der Studienleiter des DAK-Pflegereports, Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg, sieht damit die Gleichheit der Lebensverhältnisse in der pflegerischen Versorgung als nicht realisiert an.

Gleichgewichtigere Verteilung der Pflegeinfrastruktur gefordert

Der DAK-Vorstandsvorsitzende Andreas Storm will den Befund in die Kommission Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse, die federführend beim Bundesinnenministerium angesiedelt ist, einbringen.

Er fordert einen Ausbau zu einer gleichgewichtigeren Verteilung der Pflegeinfrastruktur.

Notwendig sei dazu eine Finanzierung von Investitionen mit einem Zielvolumen von 3,5 Milliarden Euro, das sind zehn Prozent der Ausgaben der Pflegeversicherung.

Dieses Investitionsbudget sollte unter finanzieller Beteiligung des Bundes mit 700 Millionen Euro starten und in fünf Stufen steigen. (Mitarbeit: ths)

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