Ärzte Zeitung online, 02.09.2019

Modellprojekt „Lebensluft“

Beatmung ade – das ist harte Arbeit

Ein langfristig angelegtes Projekt zur Beatmungsentwöhnung erzielt mit einer multiprofessionellen Therapie gute Erfolge. Die Patienten schöpfen neue „Lebensluft“ – dabei wird ihnen einiges abverlangt.

Von Ilse Schlingensiepen

KREFELD. Das Modellprojekt „Lebensluft“ zur Beatmungsentwöhnung ist auf acht Jahre angelegt, doch bereits nach drei Jahren zeigt sich: Durch eine intensive, multiprofessionelle Therapie können mehr als die Hälfte der Patienten, die heute dauerhaft künstlich beatmet werden müssen, vollständig von den Beatmungsgeräten entwöhnt werden.

Die Initiatoren machen sich deshalb dafür stark, möglichst vielen Patienten einen solchen Sprung in der Lebensqualität zu ermöglichen. „Lebensluft“ ist ein gemeinsames Projekt des Helios Klinikums Krefeld und der AOK Rheinland/Hamburg, das nach zweijähriger Vorbereitung Mitte 2016 an den Start gegangen ist. Zielgruppe sind Patienten, die nach der Therapie in einer Weaning-Unit, also einer speziellen Entwöhnungseinheit, zumindest zeitweise weiter auf künstliche Beatmung angewiesen sind, sowie Patienten, die in Krankenhäusern ohne Weaning-Unit behandelt wurden.

Diese Menschen werden oft in Beatmungs-WGs, Pflegeheimen oder zu Hause von Intensivpflegediensten weiterversorgt, berichtet Dr. Manuel Streuter. Der Chefarzt der Lungenklinik am Helios Klinikum hat das Konzept für „Lebensluft“ entwickelt.

„Dort fehlt es oft an den Kapazitäten, der notwendigen Kenntnis und der Erfahrung, um die Patienten von den Beatmungsgeräten wegzubekommen“, sagt er. Dadurch blieben Potenziale ungenutzt, was für die Ärzte eine sehr unbefriedigende Situation sei. Das Krefelder Krankenhaus hat eine spezielle Wohnstation für langzeit-invasiv-beatmete Patienten eingerichtet. Zum Versorgungskonzept gehören neben der pflegerischen Versorgung eine therapeutisch aktivierende Pflege, Atmungstherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Ärzte stehen im Hintergrund bei Unsicherheiten und Problemen bereit und übernehmen die Supervision, erläutert Streuter.

Das Programm verlange den Patienten einiges ab. „Es ist fast vergleichbar mit dem Konditionstraining im Leistungssport.“ Die Patienten sind im Schnitt acht bis zwölf Wochen auf der Station. Bis Ende Juli wurden dort 145 Patienten versorgt, 87 konnten selbstständig atmend nach Hause entlassen werden.

„Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, sagt Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland/Hamburg. Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass „Lebensluft“ einem Drittel der Patienten ein Leben ohne Beatmung ermöglicht. „Es ist unser Wunsch und Wille, dass wir das, was wir hier erreicht haben, in die Regelversorgung bekommen“, betont er. Seine Kasse werde das Projekt auch über die acht Jahre hinaus fortsetzen. Die Klinik erhält für die Versorgung von der AOK eine besondere Vergütung. „Es ist pro Tag nicht mehr, als wir für die Intensivpflege zahlen, wo es aber die Chance auf Entwöhnung nicht gibt.“

Auch Versicherte anderer Kassen wurden bereits über Einzelzusagen versorgt. „Das Projekt war immer darauf ausgelegt, es für weitere Kassen und Leistungsanbieter zu öffnen“, sagt Klinikgeschäftsführer Alexander Holubars. Im Helios Klinikum Wuppertal hat vor vier Wochen eine vergleichbare Station den Betrieb aufgenommen.

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