Ärzte Zeitung, 01.11.2016
 

"Junge, du sollst nicht rauchen"

Ist ein totales Tabakwerbeverbot die richtige Lösung?

Krebsforscher fordern ein komplettes Werbeverbot für Tabak aller Art. Dabei hat ein Verwaltungsgericht eine umstrittene Tabakkampagne erlaubt. Das ist kein Kotau vor der Industrie, sondern Beweis, dass der Rechtsstatt funktioniert, findert unser Redakteur.

Von Matthias Wallenfels

Ist ein totales Tabakwerbeverbot die richtige Lösung?

Forscher: Jugendliche sollten kein positives Raucherbild vermittelt bekommen, dann fangen sie meist gar nicht erst zu rauchen an.

© Wolfram Steinberg / picture alliance

You decide." "Du entscheidest", lautet die simple Botschaft, mit der der Zigarettenhersteller Philip Morris derzeit seine Premiummarke Marlboro öffentlichkeitswirksam an Bushaltestellen und anderen geeigneten Außenwerbeflächen bewirbt.

Zweifel daran, dass vor allem junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren selbst entscheiden, ob sie mit dem Rauchen anfangen, hegt indes das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Tabakwerbung wird, so warnt das DKFZ in einem aktuellen Statement, von einem großen Teil der Bevölkerung bewusst wahrgenommen, wobei insbesondere die Außenwerbung registriert werde.

"In besonderem Maße erreicht die Tabakindustrie ihre wichtigste Zielgruppe, die Raucher von morgen: Jugendliche und junge Menschen – obwohl sie angibt, diese aufgrund der Selbstbeschränkungen nicht anzusprechen", prangern die Krebsexperten die Zigarettenindustrie an.

In der Tat haben sich die Anbieter einer Selbstverpflichtung unterworfen "Wir richten keine Werbung an Kinder und Jugendliche und wir verwenden keine Bilder oder Inhalte, die für Minderjährige reizvoll sein könnten", heißt es zum Beispiel bei Philip Morris.

Krebsforscher: Werbung komplett verbieten

Geht es nach den Krebsforschern, so werden Philip Morris & Co demnächst überhaupt keine Zielgruppen mehr ansprechen dürfen. "Deutschland sollte nach vielen Jahren des Zögerns endlich einen weiteren wichtigen Schritt tun und umgehend – wie bereits fast sämtliche anderen EU-Mitgliedsstaaten – ein Außenwerbeverbot für Tabakprodukte einführen", lautet der gesundheitspolitische Appell aus Heidelberg.

In diesem Zuge wollen die Heidelberger das Werbeverbot auch auf elektronische Inhalationsprodukte, wie E-Zigaretten oder E-Shishas, ausgeweitet wissen. "Optimal wäre es, den Weg vollends zu Ende zu gehen und auch weitere Formen der Tabakwerbung wie die Werbung am Verkaufsort und das Ausstellen der Produkte zu verbieten", so das DKFZ weiter.

Ein ambitionierter Ansatz angesichts der Netto-Einnahmen des Staates durch die Tabaksteuer, die sich nach Angaben des Deutschen Zigarettenverbandes allein 2015 auf 14,9 Milliarden Euro beliefen – 12,87 Milliarden Euro davon generierten sich aus Zigarettenverkäufen.

"MAYBE-Kampagne": Gericht erkannte keine besondere Jugendansprache

Der Kritikpunkt, dass Tabakwerbung explizit die Zielgruppe der jungen Menschen anspreche, hat in der Vergangenheit auch schon die Gerichte beschäftigt. So stand just eine frühere Marlboro-Kampagne im Fokus.

Das Verwaltungsgericht München hatte aber im Herbst 2015 im Verfahren mit Philip Morris einen Verbotsbescheid des Landratsamtes München gegen die sogenannte "MAYBE"-Kampagne der Marke Marlboro aufgehoben.

Das Gericht begründete nach Angaben der Frankfurter Sozietät Gleiss Lutz die Entscheidung damit, dass allein in den Worten "MAYBE" und "BE", die Gegenstand des Verbots waren, keine besondere Ansprache der Jugend zu erkennen gewesen sei. Philip Morris wurde es somit erlaubt, die Werbekampagne fortzusetzen.

Das Landratsamt München hatte, so die Frankfurter Juristen, im Oktober 2013 einen Bescheid erlassen, der damals allgemein die Worte "MAYBE" und "BE", den Slogan "Don't be a Maybe" sowie die verwendeten Bild- und Textmotive der Marlboro-Kampagne verboten hatte.

Mit einem abgeänderten Bescheid vom April 2015 seien dann die zugrundeliegenden Bilder nicht mehr von der Behörde beanstandet, aber weiterhin die Worte "MAYBE" und "BE" in bestimmter Verwendungsform verboten worden.

Hiergegen war Philip Morris erfolgreich vorgegangen: Das Verwaltungsgericht hatte dann den Verbotsbescheid insgesamt aufgehoben.

Kein Zurückweichen vor Tabaklobby

Die Hartleibigkeit, mit der der Zigarettenhersteller seine – aus wirtschaftlicher Sicht – berechtigten Unternehmensinteressen auf dem juristischen Wege durchgesetzt hat, stellt keineswegs ein Einknicken des Staates vor der großen Tabaklobby dar, wie dies an verschiedenen Stellen interpretiert worden war.

Ganz im Gegenteil: Es zeigt das Funktionieren des Rechtsstaates. Und zu einem Rechtsstaat gehört auch die parlamentarische Gesetzgebung.

Genau hier setzt das DKFZ mit seinem legitimen Werben für ein komplettes Tabakwerbeverbot an. Die Krebsexperten tragen durchaus zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit in puncto Schadenspotenzial von Kippenkampagnen bei.

DKFZ: Tabakwerbung darf kein positives Raucherbild an Jugendliche vermitteln

"Tabakwerbung kann bei Jugendlichen das Bild von Rauchern und vom Rauchen positiv beeinflussen. Jugendliche stehen einem Rauchbeginn offener gegenüber, wenn sie Rauchern positive oder erstrebenswerte Eigenschaften, wie sie in der Tabakwerbung vermittelt werden, zuschreiben", so das DKFZ.

Garniert wird das Ganze mit dem Hinweis auf eine Umfrage im Auftrag der Krebsforscher, wonach 74 Prozent der Befragten ein Tabakaußenwerbeverbot fordern. Nur 62 Prozent sprachen sich indes für ein weitergehendes Werbeverbot an Tabakverkaufsstellen aus, dem Ort, an dem Fluppenwerbung am zweitstärksten wahrgenommen wird.

Spannend bleibt die Frage, ob das im vergangenen Jahr in Kraft getretene Präventionsgesetz Strahlkraft auf die weitere Gesetzgebung entfalten kann. Denn immerhin widmet sich das Gesetz explizit auch der Vermeidung des Risikofaktors Rauchen.

[05.11.2016, 08:22:11]
Wolfgang P. Bayerl 
Na klar kann ein Arzt keine andere Empfehlung geben als ein Werbeverbot.
Gerade auf Frauen und Jugendliche hat doch die Werbung eine verheerende Wirkung.
Was das mit "Recht" zu tun haben soll, ist mir mehr als schleierhaft.
Eher beschämend, so etwas zu behaupten. zum Beitrag »
[04.11.2016, 06:51:31]
Thomas Georg Schätzler 
@Johannes Spatz: "Ärzte Zeitung auf Seiten der Tabakindustrie?"
Der von Ihnen verfasste Kommentar ist nicht nachzuvollziehen! Ärzte Zeitung Redakteur Matthias Wallenfells hat einen hoch komplexen juristisch regulierten, medizinisch kontroversen und gesellschaftspolitisch divergierenden Sachverhalt objektiv und substanziell dargestellt bzw. mit Zitaten belegt, welche Sie ihm als persönliche Meinungsmache unterstellen.

Ihr Vorwurf, Herr Spatz:
"Dass Rauchen tötet, ist dem Autor keine Zeile wert, dafür lobt er die Tabakindustrie dafür, dass sie dem Staat Milliardensummen an Steuereinnahmen bringt. Wobei er hierbei wiederum verschweigt, mit welch hohen Folgekosten das Rauchen die Wirtschaft und das Gesundheitssystem belastet"
geht ins Leere, weil das war nicht Thema der Berichterstattung und Erörterung.

Und alle Ihre weiteren Vorwürfe, Herr Spatz, passen in das Bild eines fanatisch-fundamentalistischen Eiferers, der versucht, Journalisten ohne jeglichen inhaltlichen Beleg als "Andersdenkende" und die ganze Branche als "Lügenpresse" zu diffamieren. Sie wollen doch wohl nicht ernsthaft zum persischen Reich von vor 2.500 Jahren zurück, wo es üblich gewesen war, die Überbringer schlechter Nachrichten umzubringen?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[02.11.2016, 14:07:43]
Johannes Spatz 
Ärzte Zeitung auf Seiten der Tabakindustrie?

Mit Entsetzen habe ich den Artikel „Ist ein totales Tabakwerbeverbot die richtige Lösung?“ gelesen, den die Ärzte Zeitung am 1. November 2016 in ihrer online-Ausgabe veröffentlichte. Der Artikel stellt in meinen Augen sowohl eine Verharmlosung des Tabakkonsums als auch eine Verteidigung der Interessen der Tabakwirtschaft dar, wie ich sie mir in der Ärzte Zeitung bisher nicht vorstellen konnte. Ich möchten auf einige Punkte des Artikels hier näher eingehen.

Der Artikel zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er Dinge bewusst verschweigt. Und zwar zunächst einmal die Zahl der Todesopfer, die das Rauchen in Deutschland jährlich fordert: 121.000. Dass Rauchen tötet, ist dem Autor keine Zeile wert, dafür lobt er die Tabakindustrie dafür, dass sie dem Staat Milliardensummen an Steuereinnahmen bringt. Wobei er hierbei wiederum verschweigt, mit welch hohen Folgekosten das Rauchen die Wirtschaft und das Gesundheitssystem belastet.

Was der Autor ebenfalls verschweigt, ist die Tatsache, dass der Bundestag – ganz unabhängig von den jetzigen Forderungen des DKFZ – bereits 2004 das Gesetz zu dem Tabakrahmenübereinkommen verabschiedet hat. Dieses verpflichtet Deutschland zur Einführung eines umfassenden Verbots „aller Formen der Tabakwerbung, der Verkaufsförderung und des Tabaksponsoring“. Dieses Verbot hätte laut Gesetz bis spätestens 2010 umgesetzt werden müssen. Die Frage des Autors, ob ein Werbeverbot für Tabakprodukte die richtige Lösung ist, ist sinnlos und lenkt von der gesetzlichen Verpflichtung ab. Die Entscheidung des Bundestages immer wieder in Zweifel zu ziehen, ist eine Taktik der Tabakindustrie, die sich der Autor hier zu Eigen macht, und zwar selbst bis hin in seine Formulierungen.

So spricht er ganz im Duktus der Industrie schon in der Überschrift von einem „totalen Tabakwerbeverbot“. Er spricht von „Premiummarken“ sowie den berechtigten Interessen der Tabakindustrie, und davon, dass das Durchsetzen dieser Interessen vor Gericht das Funktionieren des Rechtsstaates beweise. Was natürlich nicht stimmt, auch wenn Philip Morris vor Gericht unterlegen wäre, wäre der Rechtsstaat keineswegs in Gefahr. Er zitiert aus der Selbstverpflichtung der Industrie, ohne diese kritisch zu hinterfragen.

Dabei pflegt der Autor einen fast scherzhaften Ton. „Junge, du sollst nicht rauchen“ steht als Motto über dem Artikel, im Artikel selbst benutzt der Autor Worte wie „Kippenkampagne“ oder „Fluppenwerbung“. Das DKFZ „garniert“ seine Forderungen nach Werbeverboten, ein Ausdruck, mit dem das DKFZ bewusst diskreditiert wird.

Dies alles lässt nur den Schluss zu, dass der Autor hier ganz bewusst versucht, die Interessen der Tabakindustrie wahrzunehmen und Stimmung gegen ein Werbeverbot für Tabakprodukte zu machen, das längst überfällig ist, zu dessen Einführung sich Deutschland verpflichtet hat und das in der Bevölkerung breite Zustimmung findet.

Gesundheitliche Interessen stehen über wirtschaftlichen Interessen. Ich war bisher immer davon ausgegangen, dass die Ärzte Zeitung diese Meinung teilt. Warum sie dann einem Redakteur, der offensiv die Interessen der Tabakwirtschaft wahrnimmt, Gelegenheit gibt, diese Interessen in der Ärzte Zeitung zu verteidigen, stößt bei mir auf absolutes Unverständnis.

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[01.11.2016, 12:08:23]
Gerd Schindler 
Tabakwerbeverbot
Es wäre natürlich schön, wenn sich diese Krebsforscher mit gleichem Enthusiasmus gegen Feinstaub und Dieselabgase sowie Bewegungsarmut, Überernährung, Übergewicht etc. und Alkohol einsetzen würden, statt ganz selektiv, aber dafür mit missionarischem Eifer immer nur Tabakwerbung anzugreifen. Das ist zwar prinzipiell richtig - sachlich aber eher nachrangig wichtig gegenüber anderen und deutlich weiter verbreiteten Gesundheitsgefährdungen, bei denen der Staat versagt oder Maßnahmen durch Lobbyismus verhindert werden! zum Beitrag »

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